Billionen-Dollar-Industrie

NEW BUSINESS Innovations - NR. 09, SEPTEMBER 2026
Humanoide Roboter schaffen neue Absatz­märkte weit über den eigentlichen Ro­boter hinaus. © Magnific/nilukshajayasinha/KI-generiert

Eine Studie von Roland Berger prognostiziert langfristig mehrere Billionen US-Dollar Marktvolumen für humanoide Roboter.

Europa braucht eigene ­industrielle Strukturen, um von den Vorteilen zu profitieren.

Humanoide Roboter stehen vor dem Sprung aus der Prototypenphase in die industrielle Ska­lierung. Die aktuelle Roland-Berger-Studie Humanoid Robots 2026 – The Convergence Moment for a New Market zeigt: Durch Fortschritte bei KI und Robotik-Hardware könnten humanoide Systeme perspektivisch zu Betriebskosten von rund zwei US-Dollar pro Stunde arbeiten. Damit wären sie in Hochlohnländern wie Österreich ein entscheidender Hebel, um Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, neue Industrien entstehen zu lassen und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Laut der Studie dürften Robotik-Hersteller bis 2035 einen Umsatz von 300 Milliarden US-Dollar erreichen; in optimistischeren Rechenszenarien bis zu 750 Milliarden US-Dollar. Langfristig könnte der Markt bis zu vier Billionen US-Dollar erreichen und damit das Potenzial, eine Marktgröße wie die der Automobil­industrie zu erlangen.

„Wir erleben gerade, wie technologische Machbarkeit auf wirtschaftliche Notwendigkeit trifft. Die entscheidende Frage ist also nicht mehr, ob humanoide Roboter kommen, sondern, wie schnell sie skalieren“, sagt Thomas Kirschstein, Partner bei Roland Berger.

Milliardenchance entlang der ­Wertschöpfungskette
Humanoide Roboter schaffen neue Absatz­märkte weit über den eigentlichen Ro­boter hinaus: von Motoren, Mechanik und Sensoren bis hin zu Elektronik und Produktions­aus­rüs­tung – eine komplexe Wertschöp­fungs­kette, die in großen Teilen auf bestehenden Industriekompetenzen aufbaut.

Bis humanoide Roboter vollständig autonome Produktionsaufgaben übernehmen können, muss die Technik weiter fortschreiten. Während die Hardware bereits in einem fortgeschrittenen Stadium ist, reifen Software, Lieferketten oder Regulierungen sukzessive nach. Der Nutzen wird sich zu­nächst in klar abgegrenzten, repetitiven An­wen­dungen zeigen, wie etwa Gegenstände auspacken oder transportieren. Erst mit wachsender Software-Reife können sich die Tätigkeiten ausdehnen.

Auch Themen wie Haltbarkeit sowie Sicherheits- und Haf­tungs­fragen entscheiden über Geschwindigkeit und Breite der Industrialisierung. So müssen die komplexen Systeme einen Dauerbetrieb in teils rauen Produktionsumgebungen aushalten.

Bestehende Sicherheitsstandards sind auf klassische, eingezäunte Automation ausgelegt. Humanoide Roboter arbeiten hingegen dynamisch und bewegen sich in den gleichen Räumlichkeiten wie Menschen. Dafür braucht es neue Test- und Zertifizierungs­logiken sowie einheitliche Gesetzgebung.

Europa braucht eine eigene Supply Chain
Zwar verfügt Europa über eine starke industrielle Basis, ins­be­sondere in Automobilbau, Maschinenbau und Automatisierung, doch Investitionen, Stückzahlen und Start-up-Ökosysteme sind aktuell noch hinter den USA und China zurück. Der Kontinent hat den Anschluss laut der Studie noch nicht verloren, muss aber entschlossen handeln.

Thomas Kirschstein, Partner bei Roland Berger, sagt: „Europa hat die technologischen Fähigkeiten, in Zukunft von humanoiden Robotern zu profitieren. Was fehlt, ist die Entschlossenheit, in eigene Wertschöpfungsketten zu investieren und schnell zu skalieren.“ Humanoide Roboter eröffnen mit Betriebskosten von rund zwei US Dollar pro Stunde die Möglichkeit, auch arbeitsintensive Produktion wieder wirtschaftlich nach Europa zu holen.

Voraussetzung dafür ist eine europäi­sche Wertschöpfungsstruktur: mehr Skalierung, mehr Investitionen und eine enge Verzahnung von Industrie, Zu­lie­ferern und Technologieanbietern. Gelingt das nicht, droht Europa von fremden Technologien abhängig zu werden, obwohl Europa heute mehr als 20 Start-ups für humanoide Roboter hat. Ohne eine eigene industrielle Wertschöpfungskette, die mit den USA und China mithalten kann, würde ein erheblicher Teil der wirtschaftlichen Effekte außerhalb Europas entstehen, wie es heute bereits in Teilen der KI-Industrie zu beobachten ist. (BO)