Sie befinden sich hier:  Home  |  NEW BUSINESS Export  |  NB EXPORT 1/2026  |  System unter Spannung

System unter Spannung

NEW BUSINESS Export - NB EXPORT 1/2026
Mit den Tugenden Innovation, Service, Know-how und raschem Reagieren auf Veränderung lässt sich die Zukunft meistern. © Magnific/musgraphic

Die Spielregeln im Welthandel verschieben sich – und das mit großer Wahrscheinlichkeit nachhaltig.

Für Österreich als exportgetriebene Volkswirtschaft bedeutet das mehr als nur eine konjunkturelle Delle: Zwischen geopolitischem Risiko, steigenden Kosten und neuen Märkten beginnt eine Phase, in der Anpassungsfähigkeit über Wettbewerbsfähigkeit entscheidet. Immerhin: Auch unsere Karten werden gerade neu ­gemischt, wenn auch das Spiel dasselbe bleibt.

Die Exportwirschaft ist lange schon das verlässliche Rückgrat der heimischen Volkswirtschaft. Offenheit, Integration in europäische Wertschöpfungsketten und eine starke industrielle Basis sorgten für Stabilität und Wachstum. Doch dieses Modell steht unter Druck: Die Weltwirtschaft ist unberechenbarer geworden, geopolitische Konflikte greifen in ökonomische Prozesse ein, und die Phase grenzenloser Globalisierung scheint zu Ende zu gehen. Die zentrale Frage lautet nicht mehr, ob sich die Spielregeln ändern, sondern wie tiefgreifend dieser Wandel ist.

Ein Erfolgsmodell – allerdings mit ­hoher Abhängigkeit
Österreich zählt allen aktuellen Widrigkeiten zum Trotz auch weiterhin zu den exportintensivsten Volkswirtschaften Europas. Rund jeder zweite Euro wird direkt oder indirekt im Ausland verdient. Diese Stärke ist aber zugleich eine Verwundbarkeit, denn ein hoher Grad an Internationalisierung bedeutet auch eine hohe Sensibilität gegenüber externen Schocks. Besonders deutlich wird das in wirtschaftlich schwächeren oder unsicheren Phasen: Wenn zentrale Handelspartner – allen voran Deutschland – an Dynamik verlieren, trifft das die heimische Industrie unmittelbar. Die enge Verzahnung mit europäischen Lieferketten, lange ein Wettbewerbsvorteil, wird in Krisenzeiten plötzlich zur Herausforderung.

Ende der Komfortzone
Minus 27 Prozent. So stark brachen Österreichs Exporte in die USA im dritten Quartal laut EY Industriebarometer 2025 ein – 1,6 Milliarden Euro, weg in drei Monaten. „Wer verstehen will, was sich gerade in Österreichs Exportwirtschaft verändert, muss mit dieser Zahl beginnen. Nicht mit Trump. Nicht mit Zöllen. Das ist mehr als eine kurzfristige konjunkturelle Schwäche – es ist ein strukturelles Warnsignal für das bisherige Exportmodell“, bringt es Michael Rau­hofer, Managing Director des Logistikers Dachser Austria, auf den Punkt. „Österreichs Industrie hat Jahrzehnte von drei Gewissheiten gelebt: geografischer Nähe zu Deutschland, technischer Tiefe in der Nische, funktionierendem Welthandel als Rückenwind.“

78 Prozent der Warenexporte gehen heute noch in die EU – ein Wert, der wie Stabilität klingt und eine Abhängigkeit beschreibt. Deutschland schwächelt seit drei Jahren. Dann kamen im April 2025 die US-Pauschalzölle: 15 Prozent auf EU-Waren, 50 ­Prozent auf Stahl, Aluminium und Kupfer. Das Wifo simuliert einen BIP-Rückgang von 0,23 Prozentpunkten kurzfristig, 0,33 mittelfristig. Für ein Land im dritten Rezessionsjahr ist das keine abstrakte Modellrechnung. Den Schaden trägt, wer hohe Wertschöpfung und hohe Löhne hat: Maschinenbau, Fahrzeugindustrie, Metallverarbeitung.

Was das konkret bedeutet, lässt sich in Mattighofen besichtigen: Dort übernimmt der indische Konzern Bajaj KTM, nachdem er 600 Millionen Euro in den insolventen Motorradhersteller gesteckt hat. Bis Mai 2026 soll er die Mehrheit an der Pierer Mobility AG halten. „Ein oberösterreichisches Traditionsunternehmen unter indischer Führung – das ist, ganz konkret, die neue Geografie. Indien ist nicht nur Abnehmer. Es kommt auch als Eigentümer“, erklärt Rauhofer.

Die stille Zäsur der Vorjahre
Die Entwicklungen deuten also auf mehr als eine konjunkturelle Delle hin. Die Rückgänge im Export sind kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer breiteren Verschiebung. Während einzelne Märkte einbrechen, entwickeln sich andere stabiler oder sogar dynamisch. Diese Uneinheitlichkeit ist neu – und sie erschwert Planung und Strategie. Gleichzeitig fällt auf: Die Erholung, die viele Pro­gnosen für 2026 erwarten, bleibt verhalten. Es ist keine Rückkehr zur alten Dynamik in Sicht, sondern eher eine Stabilisierung auf niedrigerem Wachstumspfad. Das legt nahe, dass strukturelle Faktoren eine immer größere Rolle spielen.

Was sich derzeit abzeichnet, ist demnach kein abruptes Ende der Globalisierung, sondern ihr Umbau. Effizienz wird zunehmend durch Resilienz ergänzt – oder ersetzt. Unternehmen gewichten Risiken heute anders als noch vor wenigen Jahren. Politische Stabilität, Versorgungssicherheit und regulatorische Verlässlichkeit gewinnen an Bedeutung. Diese Entwicklung verändert die Logik des Exports. Es geht weniger um die billigste Produktion und den schnellsten Zugang, sondern um robuste Netzwerke. Für Österreich, mit seiner starken Einbindung in europäische Strukturen, kann das ein Vorteil sein – wenn es gelingt, diese Position strategisch zu nutzen.

Indiens Potenzial, nüchtern betrachtet 
Im Jänner schloss die EU ein Freihandelsabkommen mit Indien ab. Nach vollständiger Umsetzung entfallen Zölle auf 96,6 Prozent der EU-Ausfuhren. „Für österreichische Autozulieferer, Bahntechnik, Maschinenbauer und Pharmaunternehmen bedeutet das Zugang zu einem riesigen Markt, der bislang mit Zöllen von über 100 Prozent auf Automobile abgeschirmt war. Rund 160 heimische Unternehmen sind bereits vor Ort. Indien kaufte allein 2025 Waren im Wert von 1,5 Milliarden Euro – ein Plus von 13 Prozent in einem Jahr, in dem der restliche Welthandel stagnierte“, schildert Rauhofer.

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer rechnet mit 5.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen. Damit öffnet sich eine Tür zu einem Markt, auf dem lokale Konkurrenten ohne europäische Energiekosten, ohne Lieferkettengesetze und ohne Rücksicht auf Gewinnmargen kämpfen. 

Mercosur: Die Abstimmung, die zählt 
Das zweite große Abkommen ist komplizierter. Im Dezember 2024 einigten sich die EU und Mercosur nach 25 Jahren Verhandlungen. Der Handelsteil gilt seit dem 1. Mai 2026 vorläufig. Er bringt EU-Unternehmen Zollersparnisse von bis zu vier Milliarden Euro pro Jahr und Zugang zu 270 Millionen Konsumenten in Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay. Das Partnerschaftsabkommen mit Investitionsregeln und politischem Dialog muss jedoch von allen 27 nationalen Parlamenten beschlossen werden.

Auch vom Nationalrat in Wien, der seit einer Entschließung aus dem Jahr 2019 gegen Mercosur gebunden ist. „Dort wird sich zeigen, ob Österreichs Diversifizierungsstrategie mehr ist als nur eine Absichtserklärung. Stimmt die Koalition zu, stellt sie sich gegen die Bauernlobby, bleibt aber ihrer Industriestrategie treu. Stimmt sie nicht zu, bleibt nur ein Dokument, in dem Diversifizierung steht, ohne dass etwas passiert – und eine Republik, die schon bei der ersten Abstimmung scheitert, weil die nächste Wahl wichtiger war“, sieht es Michael Rauhofer realistisch. 

Was Resilienz wirklich kostet
Freihandelsabkommen sind Infrastruktur. Sie schaffen Möglichkeiten, keine Umsätze. Wer in Brasilien oder Pune verkaufen will, braucht Vertrieb vor Ort, Sprachkompetenz, lokale Netzwerke – und Kapital, das Rückschläge aushält. Für Konzerne wie Voestalpine ist das unangenehm, aber machbar. Für den mittelständischen Zulieferer aus dem Mühlviertel, der seit 30 Jahren denselben deutschen Automobilhersteller beliefert, ist es existenziell neu.

„Die Ära, in der österreichische Qualität sich gewissermaßen von selbst verkaufte, weil sie nah genug war und gut genug war, endet nicht wegen Trump. Sie endete, weil Deutschland als Lokomotive ins Stocken geraten ist und weil Schwellenländer aufgeholt haben. Die Zölle haben das nur beschleunigt – und sichtbar gemacht, was sich schon länger zusammenbraute“, mein Rauhofer, und ergänzt: „Ob Österreich die nötige Anpassungsfähigkeit besitzt, wird sich nicht in Brüssel entscheiden und nicht in Parlamentsdebatten über Mercosur. Es wird sich in den Betrieben entscheiden – und daran, ob die Politik ihnen dabei hilft oder im Weg steht.“

Geopolitik wird zur Standortfrage
Die Trennung zwischen Wirtschaft und Politik scheint mittlerweile endgültig aufgehoben. Handelsbeziehungen werden zunehmend von strategischen Interessen geprägt. Sanktionen, Handelsbarrieren und industriepolitische Programme großer Wirtschaftsräume beeinflussen Wettbewerbsbedingungen direkt. Für exportorientierte Unternehmen bedeutet das also eine neue Realität: Märkte sind nicht mehr nur ökonomische Räume, sondern auch politische. Entscheidungen über Investitionen und Expansion müssen geopolitische Risiken stärker berücksichtigen. Das erhöht die Komplexität – und verlangt gleichzeitig auch neue Kompetenzen.

Europas doppelte Rolle
Die Europäische Union ist für Österreich weiterhin gleichzeitig Stabilitätsanker und Reformbaustelle. Denn einerseits bietet der Binnenmarkt zwar Sicherheit, gemeinsame Regeln und eine starke Verhandlungsposition gegenüber Drittstaaten, andererseits zeigen sich innerhalb der EU zunehmend Unterschiede – etwa bei Energiepreisen, Förderpolitiken oder industriellen Strategien. Diese Divergenzen wirken sich allerdings direkt auf die Wettbewerbs­fähigkeit aus. Für Österreich stellt sich daher die Frage, wie aktiv es die europäische Wirtschaftspolitik mitgestalten kann – und muss. Denn die Rahmenbedingungen des Exports werden zu einem großen Teil natürlich immer noch in Brüssel definiert. 

Kosten, Innovation und der neue Wettbewerb
Parallel zu den geopolitischen Veränderungen verschärft sich auch der ökonomische Wettbewerb. Steigende Kosten – insbesondere für Energie und Arbeit – setzen die Margen unter Druck. Gleichzeitig verschiebt sich der Wettbewerb in Richtung Qualität, Technologie und Spezia­lisierung. Zum Glück hat Österreich hier traditionell Stärken: nämlich in Nischenindustrien, im Maschinenbau, in hochwertigen Dienstleistungen. Doch diese Position ist leider kein Selbstläufer, sondern erfordert kontinuierliche Investitionen in Forschung, Bildung und Infrastruktur. Der Export der Zukunft ist demnach wahrscheinlich weniger volumengetrieben – und stärker wissensbasiert. Das Zauberwort bleibt also Innovation.

Diversifizierung als strategische Notwendigkeit
Eine der sichtbarsten Reaktionen auf die neue weltwirtschaftliche Lage ist die zunehmende Diversifizierung von Absatzmärkten. Unternehmen suchen gezielt nach Alternativen zu traditionellen Partnern und erschließen neue Regionen – nicht nur in Asien oder Nordamerika, sondern verstärkt auch in wachstumsstarken Märkten in Südostasien, Lateinamerika oder Teilen Afrikas. Dabei geht es längst nicht mehr nur um kurzfristige Möglichkeiten, sondern um eine strategische Neuausrichtung der internationalen Präsenz. Diese Entwicklung ist allerdings mehr als bloße Risikostreuung – sie markiert einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel.

Während früher Effizienz, Skaleneffekte und die Konzentration auf wenige große Märkte im Vordergrund standen, rücken heute Resilienz und Flexibilität in den Fokus. Wer breiter aufgestellt ist, kann wirtschaftliche oder geopolitische Schocks besser abfedern, Lieferketten stabilisieren und Nachfrageschwankungen in einzelnen Regionen ausgleichen. Diversifizierung wird damit zur Voraussetzung für Stabilität – nicht mehr nur zur Option. Gleichzeitig steigen die Anforderungen deutlich. Unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen, komplexe Zollregime und lokale Standards erfordern mehr Know-how und Ressourcen.

Hinzu kommen kulturelle Unterschiede, die Markteintrittsstrategien erschweren, sowie politische Risiken, die Investitionsentscheidungen beeinflussen. Auch die operative Umsetzung wird anspruchsvoller: Vertrieb, Logistik und Service müssen stärker regional gedacht und organisiert werden. Für viele Unternehmen bedeutet das einen deutlichen organisatorischen Wandel. Internationale Expansion erfordert nicht nur neue Märkte, sondern auch neue Strukturen, Partnerschaften und Kompetenzen. Um es salopp auszudrücken: Einfacher wird es wohl nicht werden, erfolgreich im Export zu sein – aber strategischer denn je.

Die unterschätzte Dynamik der Dienstleistungen
Ein gelegentlich unterschätzter Aspekt der Exportwirtschaft ist die stetig wachsende Bedeutung von Dienstleistungen: Während der klassische Warenhandel in den vergangenen Jahren spürbar an Dynamik verloren hat, zeigen sich Dienstleistungen deutlich robuster und in vielen Bereichen sogar wachstumsstärker. Digitale Angebote, technische Services, After-Sales-Leistungen und wissensintensive Tätigkeiten gewinnen kontinuierlich an Gewicht und verändern die Struktur des Außenhandels nachhaltig.

Diese Entwicklung ist naturgemäß eng mit technologischen Veränderungen verknüpft – denn Digitalisierung ermöglicht es Unternehmen, Leistungen grenzüberschreitend anzubieten, ohne physisch vor Ort präsent sein zu müssen. Gleichzeitig steigt auch die Nachfrage nach inte­grierten Lösungen: Kunden erwarten nicht mehr nur ein Produkt, sondern ein Gesamtpaket aus Beratung, Wartung, Software und datenbasierten Services. Gerade in industriellen Kernbranchen verschwimmen damit die Grenzen zwischen Produktion und Dienstleistung zunehmend.

Ein immer wichtigeres Feld, das es zu beackern gilt
Für Österreich eröffnet sich hier eine gar nicht kleine ­strategische Chance: Diese Kombination aus industrieller Kompetenz und hochwertigen Dienstleistungen könnte sich als entscheidender Wettbewerbsvorteil erweisen. Viele heimische Unternehmen verfügen nämlich über genau jene Spezialisierung, die in diesem Umfeld gefragt ist – etwa im Maschinenbau, in der Umwelttechnik oder in technischen Nischen. Wird diese Stärke konsequent mit serviceorientierten Geschäftsmodellen verknüpft, entsteht ein Angebot mit hoher Wertschöpfung und vergleichsweise geringer Preissensibilität.

Zugleich trägt die stärkere Rolle von Dienstleistungen zur Resilienz bei. Anders als physische Güter sind sie weniger anfällig für Störungen in Lieferketten, Transportengpässe oder handelspolitische Barrieren. In einer Welt, in der genau diese Risiken zunehmen, gewinnt dieser Faktor zusätzlich an Bedeutung. Die Exportwirtschaft der Zukunft wird daher nicht nur digitaler, sondern damit auch „unsichtbarer“ – und genau darin könnte eine ihrer größten Chancen liegen.

Sind die Karten nun neu gemischt – oder nicht?
Die Metapher der „neu gemischten Karten“ greift nur teilweise, denn die Grundstruktur des Spiels bleibt bestehen: Export bleibt zentral, internationale Märkte bleiben entscheidend für Wachstum, Beschäftigung und Wertschöpfung in Österreich. Doch innerhalb dieses bekannten Rahmens haben sich die Gewichte spürbar verschoben – und zwar nicht punktuell, sondern entlang mehrerer Dimen­sio­nen gleichzeitig. Risiko spielt eine deutlich größere Rolle als früher. Gemeint ist damit nicht nur das klassische Währungs- oder Konjunkturrisiko, sondern ein breiteres Spektrum an Unsicherheiten: geopolitische Spannungen, handelspolitische Eingriffe, Lieferkettenstörungen und regulatorische Fragmentierung zwischen den großen Wirtschaftsblöcken.

Die Planungssicherheit, lange Zeit ein stiller Vorteil global integrierter Unternehmen, ist damit deutlich geringer geworden. Entscheidungen müssen unter Bedingungen getroffen werden, in denen Stabilität weniger selbstverständlich ist als früher. Gleichzeitig gewinnen strategische Überlegungen an Gewicht. Exportentscheidungen sind stärker als in der Vergangenheit Teil einer langfristigen Unternehmensarchitektur. Fragen der Marktauswahl, der Produktionsstandorte und der Partnerstrukturen werden nicht mehr primär kurzfristig optimiert, sondern im Kontext von Robustheit und Krisenfestigkeit gedacht.

Damit verschiebt sich auch die Rolle des Managements: weg von reiner Effizienzlogik, hin zu Szenariodenken und Risikobalance. Erfolg hängt damit weniger von einzelnen, kurzfristigen Marktchancen ab – etwa konjunkturellen Nachfrageimpulsen in einem bestimmten Land –, sondern stärker von der langfristigen Positionierung im internationalen Gefüge. Unternehmen, die frühzeitig in Diversifikation, technologische Spezialisierung und flexible Strukturen investiert haben, sind in diesem Umfeld klar im Vorteil. In Summe bedeutet das: Das Spiel bleibt dasselbe, aber die Regeln, nach denen es entschieden wird, sind komplexer, dynamischer und weniger vorhersehbar geworden.

Um Sinowatz zu zitieren: es ist alles sehr kompliziert
Für die kommenden Jahre zeichnet sich kein eindeutiges Bild ab. Vieles spricht für eine moderate Erholung der Exportwirtschaft, getragen von einer allmählichen Stabilisierung der europäischen Nachfrage sowie einer vorsichtigen Belebung einzelner internationaler Märkte. Gleichzeitig bleibt dieses Szenario fragil, da es stark von externen Faktoren abhängt – von geopolitischen Entwicklungen über energiepolitische Rahmenbedingungen bis hin zur weiteren Fragmentierung globaler Handelsstrukturen.

Prognosen bleiben daher notwendigerweise mit Unsicherheiten behaftet, selbst in relativ stabilen Grundannahmen. Die entscheidende Herausforderung wird wohl darin liegen, mit dieser Unsicherheit auch tatsächlich produktiv umzugehen. Für Unternehmen könnte das bedeuten, weniger in klassischen linearen Wachstumsmodellen zu denken und stattdessen stärker in Szenarien. Flexibilität wird dabei vermutlich einen ebenso hohen Stellenwert genießen wie operative Effizienz: Produktions- und Lieferstrukturen müssen immer schneller anpassbar sein, Märkte dynamischer bewertet und darauf reagiert werden. Diversifikation wird damit, wie bereits erwähnt, nicht nur zur Risikoreduktion, sondern zu einem aktiven Steuerungsinstrument unter unsicheren Bedingungen.

Haben wir eigentlich schon ­„Innovation“ erwähnt?
Denn parallel zu all diesen Entwicklungen gewinnt Innovationsfähigkeit, wie bereits erahnt, weiter an großer Bedeutung. Technologische Entwicklung, Digitalisierung und die Fähigkeit, komplexe Leistungen zu integrieren, werden zu zentralen Differenzierungsmerkmalen im internationalen Wettbewerb. Gerade in einer Phase schwächerer Gesamtdynamik entscheidet erneut weniger das Volumen als vielmehr die Qualität der Positionierung.

Für Politik wie Wirtschaft gilt daher gleichermaßen: Die Zeit der Selbstverständlichkeiten ist vorbei. Rahmenbedingungen, die lange als stabil galten – offene Märkte, planbare Handelsbeziehungen, verlässliche Wachstumsdynamiken – müssen heute aktiv abgesichert und laufend neu bewertet werden. Erfolg im Export wird damit weniger eine Frage einzelner Märkte sein, sondern zunehmend eine Frage strategischer Anpassungsfähigkeit in einer dauerhaft volatilen Weltwirtschaft.

Kein Bruch, aber anspruchsvoll – und sehr viel Arbeit
Die österreichische Exportwirtschaft steht nicht vor einem Bruch, sondern vor einer tiefgreifenden Anpassung innerhalb eines vertrauten, aber deutlich anspruchsvolleren globalen Umfelds. Die Karten sind nicht völlig neu gemischt, aber sie wurden neu verteilt, und die Spielzüge sind komplexer geworden. Wer seine Position halten oder verbessern will, muss sich bewegen, schneller reagieren und strategischer denken als in früheren Phasen relativ stabiler Weltmärkte. Gerade darin liegt jedoch auch eine Chance. Denn in einer Welt im Wandel können jene profitieren, die Veränderungen früh erkennen und aktiv gestalten – statt nur auf sie zu reagieren.

Österreich bringt dafür durchaus günstige Voraussetzungen mit: eine stark industrialisierte Basis, hohe Spezialisierung in Nischenmärkten, gute Einbindung in europäische Wertschöpfungsketten und eine ausgeprägte Exporttradition, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Beispiele dafür finden sich etwa im Maschinen- und Anlagenbau, in der Umwelttechnik oder in hochpräzisen Komponentenlieferungen, bei denen österreichische Unternehmen international als zuverlässige Qualitätsanbieter gelten.

Gleichzeitig entstehen neue Chancenfelder dort, wo klassische Industrie und digitale Dienstleistungen ineinandergreifen. Unternehmen, die ihre Produkte ­zunehmend mit Software, Datenanalyse oder Serviceleistungen kombinieren, können ihre internationale Wett­bewerbsfähigkeit deutlich ausbauen. Auch die stärkere Ausrichtung auf europäische Nearshoring-Trends könnte Österreich – trotz hoher Kostenstruktur – in bestimmten Segmenten wieder näher an strategische Wertschöpfungsketten rücken.

Altes abreissen, um Neues aufzubauen
Entscheidend wird letztlich sein, ob es gelingt, diese vorhandenen Stärken konsequent zu nutzen und weiterzuentwickeln. Nicht einzelne kurzfristige Markterfolge werden darüber entscheiden, sondern die Fähigkeit, Strukturwandel als kontinuierlichen Prozess zu begreifen. In diesem Sinne ist die Exportwirtschaft weniger am Ende eines Modells angekommen – sie befindet sich vielmehr in dessen bewusster Weiterentwicklung. Und genau darin liegt ihre eigentliche Bewährungsprobe der kommenden Jahre. Da klingen die Theorien des Ökonomen Joseph Schumpeter aus dem frühen 20. Jahrhundert und sein berühmter, wenn auch zugespitzter Satz eigentlich auf einen Schlag wieder sehr zeitgemäß: „Der Kapitalismus ist ein Prozess der schöpferischen Zerstörung.“ (PZ)