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Dagmar Koch, Country Managerin von Coface Österreich, bei der Eröffnung der 23. Country Risk Conference © Christian Mikes

Die 23. Country Risk Conference von Coface stand unter dem Motto "Weltordnung. Weltunordnung. Weltneuordnung.".

Die großen globalen Veränderungen unserer Zeit und ihre Bedeutung für Österreich standen im Mittelpunkt der 23. Country Risk Conference von Coface, einem Unternehmen im Kredit- und Risikomanagement. Im Apothekertrakt von Schloss Schönbrunn fanden sich vergangene Woche rund 170 Gäste aus dem Wirtschafts- und Finanzwesen ein, um sich unter dem Motto "Weltordnung. Weltunordnung. Weltneuordnung." mit der "schönen neuen Welt" auseinanderzusetzen.

"Wie wollen wir mit dem Umbruch und dem tiefgreifenden Wandel in der Welt umgehen? Europa hat die Chance, eine tragende Rolle in einer neuen Weltordnung zu spielen – und diese mitzugestalten", erklärte Dagmar Koch, Country Managerin von Coface Österreich, bei der Eröffnung. Sie nahm dabei Bezug auf den aktuellen Coface-Leitspruch "Keeping your world open" und räumte mit der Vorstellung auf, dass Unsicherheit zu Stillstand führen muss: "Seit 80 Jahren begleiten wir Unternehmen bei ihren Herausforderungen, bei Veränderungen und klarerweise auch bei Risiken. Aber Risiken sind für uns kein Stoppschild, sondern bedeuten für uns bewusster Umgang damit und strategische Planung. Weil eines ist klar: Wer seine Risiken kennt, der kann mutigere Entscheidungen treffen, kann in neue Märkte gehen und kann neue Geschäftsbeziehungen eingehen."

Die ökonomische Realität
In seiner Rede zur Wirtschafts- und Geldpolitik gab dann Nationalbankgouverneur Martin Kocher Einblicke in die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen: "Die erste Hälfte dieses Jahrzehnts war besonders durch Unsicherheiten gekennzeichnet. Die Bandbreite der Szenarien ist sehr hoch. Es gibt Unsicherheiten, die man nicht kontrollieren kann, aber einiges kann man sicherer gestalten. Zudem kommt das Bemühen von allen Seiten hinzu, zu einer gewissen Stabilität zu kommen." 

Coface-Chefökonom für die DACH-Region Markus Kuger ergänzte in seiner Präsentation die Sicht auf die aktuellen globalen Risiken auf Branchen- und Länderebene und zeigte die vielschichtigen Auswirkungen der geopolitischen Entwicklungen. Ein besonders eindrucksvolles und aktuelles Beispiel für die Trägheit des Welthandels lieferte er im Zusammenhang mit stillstehenden Frachtschiffen: "Viele dieser Tanker waren drei Monate in relativ warmen Gewässern vor Anker und die haben viele Muscheln und Algen an ihrer Hülle. Das heißt, die Effektivität dieser Tanker lässt zu wünschen übrig, ohne Reinigung können sie nicht mit voller Geschwindigkeit fahren. Auch wenn heute ein Deal geschlossen wird, heißt es nicht, dass morgen der Ölpreis wieder auf Vorkrisenniveau fällt und das Öl in Rotterdam oder Hamburg ankommt. Das wird eine gewisse Zeit dauern."

Europa zwischen den Fronten
Der Militärstratege Christoph Göd analysierte in seinem Beitrag "Die Welt aus den Fugen" die sicherheitspolitische Dimension der Konfliktherde. Göd erinnerte, dass es bereits seit 2014 eine Verschiebung des US-Fokus Richtung Asien gibt – mit entsprechenden Auswirkungen auf die transatlantische Partnerschaft. "Jeder US-Präsident betonte, dass Europa zu wenig für seine Verteidigung ausgibt", sagte Göd und erklärte, dass es das "Ziel Russlands ist, die transatlantische Partnerschaft zu schwächen". Weder für den Ukraine-Krieg noch für den Nahen Osten sieht er zum jetzigen Zeitpunkt eine zeitnahe Lösung. 

In seiner Keynote im Anschluss machte der langjährige luxemburgische Außenminister Jean Asselborn einen Streifzug durch die Geschichte und beleuchtete ebenfalls die aktuellen Konfliktherde. "Wir leben in einer Zeit, in der Optimismus seinen Platz haben muss", betonte der Europapolitiker und führte zu jüngsten Entwicklungen weiter aus: "Man kann als Optimist jetzt sagen, dass die Diplomatie wieder Fuß gefasst hat. Das ist ein Zeichen für Putin, sich an den Verhandlungstisch zu setzen." Asselborn plädierte leidenschaftlich für den Rechtsstaat und das internationale Recht: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine Welt ohne Werte verfallen. Europa muss zum internationalen Recht stehen. Wir leben seit 80 Jahren in der EU in Frieden. Ich will das für meine Kinder und Kindeskinder für die nächsten 80 Jahre."

 

V.l.n.r.: Christoph Göd, Lisa Smith, Dagmar Koch, Jean Asselborn, Michael Schütz, Claudia Beermann, Eva Komarek, Alexander Mülhaupt © Christian Mikes

 

"Buy European"
Bei der abschließenden Podiumsdiskussion "Weltwirtschaft vs. Wir sind Wirtschaft" diskutierten die Coface-Country Managerin Dagmar Koch, Michael Schütz, CFO der Prinzhorn Holding, Lisa Smith, Co-Founder und Chair of the Board bei Prewave, Claudia Beermann, Geschäftsführerin und CFO der iSi Automotive Holding und Alexander Mülhaupt, General Manager bei Roche Pharma Austria unter der Moderation von Journalistin Eva Komarek über die Potenziale und Handlungsspielräume der heimischen Wirtschaft.

"Österreich ist das Land der Maße, nicht der Masse. Wir können Präzisionsarbeit, nicht Massenproduktion", erklärte Koch und unterstrich die Stärken der heimischen Wirtschaft wie etwa die ausgezeichneten Arbeitskräfte. Hinsichtlich der heimischen Industrie hielt sie deutlich fest, dass diese dem internationalen Vergleich ausgezeichnet standhält.

Die CFO von iSi Automotive, Beermann, forderte: "Wir müssen selbstbewusster in unserer Lösungskompetenz sein." In der Podiumsdiskussion führte sie aus, dass Österreich über fantastisch ausgebildete Ingenieure verfüge und man diese Stärke in der Automatisierung und Prozessgestaltung mit mehr Dynamik verfolgen müsse.

Prewave-Gründerin Smith nannte "Geschwindigkeit" als Zukunftsstrategie für ihr Unternehmen und betonte: "Man kann sich auf viele Szenarien vorbereiten." Da herkömmliche Lagebilder von heute auf morgen veralten können, müsse das Ziel darin bestehen, die Zeit bis zur Handlung massiv zu verkürzen – idealerweise von Wochen oder Monaten auf wenige Stunden. Nur durch eine Echtzeit-Sicht auf die gesamte Lieferkette ließen sich proaktive Entscheidungen treffen, bevor ein Risiko schlagend wird.

Alexander Mülhaupt, General Manager von Roche in Österreich, sagte: "Während China und die USA die Spielregeln ändern, bleibt Europa bei seiner Erhaltungstherapie. Wir sind in der EU in einem der größten Binnenmärkte der Welt. Wir müssen den Wert von Innovation besser erkennen." Insbesondere bei der Digitalisierung sah er auch massiven Nachholbedarf – oft scheitere es nicht an fehlender KI, sondern an grundlegender Infrastruktur. So müssten in Österreich klinische Studien oft noch per schriftlichem Einzelvertrag mit jedem einzelnen Spital vereinbart werden, anstatt dass zentrale digitale Plattformen genutzt werden können.

Michael Schütz forderte eine echte europäische Industriestrategie anstatt eines regulatorischen "Fleckerlteppichs". "Wir müssen erkennen, wo ist der Zug abgefahren und was wollen wir fördern", erklärte der CFO der Prinzhorn-Gruppe. Er nahm auch die Konsumenten in die Pflicht und erntete für sein "kerniges" Plädoyer für regionale Wertschöpfung Applaus vom Publikum: "Wenn wir auf Plattformen wie Temu oder Shein bestellen und glauben, wir sind besonders schlau, dann brauchen wir uns auch nicht zu wundern, wenn der Wohlstand verloren geht." 

Am Ende blieb von diesem intensiven Nachmittag ganz besonders eine Kernbotschaft im Gedächtnis hängen: Trotz einer Weltordnung im Umbruch und ungünstigen wirtschaftlichen Entwicklungen darf sich Europa vor allem eines nicht – selbst unterschätzen. (RNF)