Manfred Pascher, geschäftsführender Gesellschafter von MP2 IT-Solutions, bei der Studienpräsentation. © RNF
Die demografische Lücke im Gesundheitswesen wächst, die Effizienz stagniert. Eine neue Studie zeigt, wie die „Digital Patient Journey“ einen drohenden Kollaps verhindern könnte.
Lange Zeit war Österreich zurecht stolz auf sein Gesundheitssystem. Doch die demografische Entwicklung, steigende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen und eine klaffende Lücke bei den künftig benötigten Arbeitskräften stellen das System auf eine harte Probe. Gefragt sind Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität, um trotzdem den hohen Standard zu halten. Doch während sich andere Branchen hier in den vergangenen Jahrzehnten positiv hervorgetan und durch technologischen Fortschritt ihre Effizienz teils deutlich verbessert haben, krankt das Gesundheitswesen just in diesem Punkt. Laut Christian Helmenstein, Vorstandsmitglied des Wirtschaftsforschungsinstituts Economica und Professor für Volkswirtschaftslehre, weist es einen der geringsten Produktivitätszuwächse der heimischen Branchen auf, nur noch unterboten vom Tourismus.
Hinzu kommt, dass Prognosen bis zum Jahr 2050 von einem Mehrbedarf von rund 196.500 Pflege- und Betreuungspersonen sprechen. Gleichzeitig wird der Pool an verfügbaren Arbeitskräften in der gesamten Erwerbsbevölkerung um etwa eine halbe Million Menschen schrumpfen. Das System steuert auf eine Versorgungslücke zu.
Ein weiterer wesentlicher Punkt sind die Kosten. Österreich gibt Helmenstein zufolge 2,5 Prozentpunkte seines Bruttoinlandsprodukts mehr für Gesundheit aus als der OECD-Durchschnitt - Tendenz seit Jahren steigend. Das sind in absoluten Zahlen 12,5 Milliarden Euro jährlich. „Das wird nicht funktionieren, wenn wir nicht endlich zu mehr Produktivitätsfortschritt im österreichischen Gesundheitswesen gelangen“, brachte es Wirtschaftsforscher Helmenstein vergangene Woche vor Journalisten auf den Punkt. Dabei geht es nicht mehr darum, den Output durch mehr Input – Personal und Kapital – zu erhöhen, sondern die vorhandenen Ressourcen durch technologische Hebel zu multiplizieren.
Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein
Genau hier setzt eine aktuelle Untersuchung an, die vom Competence Center Digital Healthcare von MP2 IT-Solutions initiiert und gemeinsam mit Economica durchgeführt wurde. Die österreichweite Studie „Der Bruttonutzen von Digital Healthcare entlang der Patient Journey – primärdatenbasierte Evidenz zu Effizienzgewinnen“ zeigt, dass digitale Gesundheitslösungen genau diesen „arbeitsvermehrenden technischen Fortschritt“ liefern können. Befragt wurden dafür Entscheidungsträger:innen von 26 österreichischen Gesundheitseinrichtungen.
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"Unser Ziel ist es, Digitalisierung dort voranzutreiben, wo sie den größten Mehrwert für Patient:innen, Fachpersonal und Einrichtungen schafft."
Gerlinde Macho, Gesellschafterin MP2 IT-Solutions
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Gerlinde Macho, Mitgründerin und Gesellschafterin von MP2 IT-Solutions, betonte bei der Studienpräsentation die Bedeutung belastbarer Daten: „Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein. Wir brauchen Evidenz darüber, wo digitale Lösungen tatsächlich Nutzen stiften, Prozesse verbessern und Menschen entlasten. Genau hier setzt diese Studie an. Sie macht sichtbar, welchen Beitrag Digital Healthcare entlang der gesamten Patient Journey leistet und liefert eine fundierte Grundlage für zukünftige Entscheidungen. Wir haben daher auch gezielt die Befragung auf Seiten der Gesundheitsbetriebe angesetzt. Unser Ziel ist es, Digitalisierung dort voranzutreiben, wo sie den größten Mehrwert für Patient:innen, Fachpersonal und Einrichtungen schafft.“
Den Hebel richtig ansetzen
Die "Digital Patient Journey" ist ein guter Ansatzpunkt für ein produktiveres System. Sie beschreibt den gesamten Weg von Patient:innen durch das Gesundheitssystem – von der Wahrnehmung erster Symptome über Information, Terminvereinbarung, Diagnose, Behandlung und Entlassung bis hin zur Nachbetreuung. Im Mittelpunkt stehen digitale Technologien wie Online-Portale, elektronische Gesundheitsakten, digitale Kommunikation, Apps oder KI-gestützte Anwendungen, die Prozesse verbessern, Services bieten und Patient:innen stärker einbinden.
Die Studie belegt in den untersuchten Prozessen – insbesondere bei der Koordination und der Dokumentation – Zeiteinsparungen von 52 bis 62 Prozent pro digital-unterstützter Aufgabe. Wertvolle Zeit, die sinnvoller genutzt werden kann. Doch die Effizienzsteigerung ist nur eine Seite der Medaille. Ein weiterer kritischer Kostenfaktor im Gesundheitswesen sind Behandlungs- und Dokumentationsfehler. Hier liefert die Untersuchung beeindruckende Zahlen: In 85 Prozent der befragten Einrichtungen gingen Dokumentationsfehler zurück. Ebenfalls ein deutliches Zeichen für den Nutzen der Digitalisierung im Healthcare-Bereich ist, dass die Arbeitsbelastung für das Personal in 80 Prozent der befragten Einrichtungen abgenommen hat.
Ein ökonomisches Paradoxon
Trotz dieser überzeugenden Ergebnisse gibt es Barrieren, die sich als Bremse für die Transformation des Gesundheitsbereichs auswirken. Die erste ist ein ökonomisches Paradoxon: Während die Digitalisierung langfristig die Kosten senken und die Effizienz steigern würde, fehlt es oft an den notwendigen Mitteln für die Implementierung. Es entsteht ein Teufelskreis: Fehlende Investitionen führen zu ineffizienten Prozessen, die wiederum Ressourcen binden, die für die notwendige Modernisierung fehlen.
Die zweite Barriere ist die Akzeptanz. Während die Entscheidungsträger die Notwendigkeit digitaler Lösungen mehrheitlich klar erkennen, hinkt die Akzeptanz bei den Endnutzer:innen – dem medizinischen Fachpersonal und den Patient:innen – oft noch hinterher. Das Einbeziehen aller Beteiligten sowie transparente Kommunikation können hier aber Abhilfe verschaffen. Denn nach Einführung entsprechender Lösungen nahm die Patienten- und Mitarbeiterzufriedenheit in 57 Prozent bzw. 67 Prozent der Einrichtungen zu.
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"In vielen Fällen scheitert es hier nicht an der Bürokratie, sondern an der mangelnden Daten-Infrastruktur. Dänemark bietet diesbezüglich den Goldstandard. Die sind uns nicht drei Jahre voraus, die sind uns mindestens zehn Jahre voraus."
Christian Helmenstein, Vorstandsmitglied des Wirtschaftsforschungsinstituts Economica
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Es scheitert nicht an der Bürokratie
Man könnte meinen, dass die Gesetzgebung einer weitere Bremse für den technologischen Fortschritt im medizinischen Bereich darstellt. Immerhin handelt es sich um einen der am stärksten reglementierten Sektoren. Manfred Pascher, Mitgründer und geschäftsführender Gesellschafter von MP2 IT-Solutions, räumt zwar ein, dass die strengen Regeln im Vergleich zu internationalen Vorreitern wie China, Israel oder den USA den digitalen Fortschritt hemmen können, hält aber trotzdem die hierzulande geltenden Regeln für sehr vernünftig – etwa, dass Berichte von einem Menschen kontrolliert und bestätigt werden müssen. "Wenn es einen Wert betrifft, von dem mein Leben abhängt, dann bin ich sehr froh, dass es diese Regulatorien gibt", so Pascher.
Viel schwerer wiegt laut Helmenstein ohnehin etwas anderes: "In vielen Fällen scheitert es hier nicht an der Bürokratie, sondern an der mangelnden Daten-Infrastruktur. Dänemark bietet diesbezüglich den Goldstandard. Die sind uns nicht drei Jahre voraus, die sind uns mindestens zehn Jahre voraus." (RNF)