Technologie, die Aufgaben kosteneffizienter erledigt als Menschen, wird auch eingesetzt. Das war in der Geschichte immer so. Die Frage ist, wie man damit umgeht. © Freepik/ksandrphoto
Künstliche Intelligenz krempelt den Arbeitsmarkt in einer bisher ungekannten Geschwindigkeit um. Welche Möglichkeiten gibt es, um diesen Wandel zum Vorteil der Gesellschaft zu gestalten?
Wir erleben derzeit einen der disruptivsten technologischen Transformationsprozesse in der Geschichte. KI, Roboter und ihre Interaktion gestalten Arbeitsplätze in einem Tempo um, das jenes früherer technologischer Umbrüche in den Schatten stellt. Die mutigen Prognosen darüber, wie KI die Arbeit verändern könnte, sind vermutlich nicht übertrieben. Dennoch hört man vonseiten der Politik bislang wenig Konkretes.
Als Ökonomin mit einem leidenschaftlichen Interesse an öffentlicher Politik ist es mir nicht leicht gefallen, die Rolle der Politik bei der Steuerung der Beziehung zwischen Technologie und Arbeit zu verstehen. Sollte der Staat überhaupt intervenieren, und falls ja, auf welcher Ebene? Sollte er Anreize schaffen, damit Unternehmen eher Technologien entwickeln, die menschliche Arbeit unterstützen, statt sie zu ersetzen? Sollte er Bildung neu denken, sodass die Investitionen in „Humankapital“ mit den Technologieinvestitionen der Unternehmen konkurrieren können? Oder sollten wir Technologie so besteuern, wie wir Arbeit besteuern?
Only the adopters survive
Die Wirtschaftswissenschaft lehrt uns: Wenn eine Technologie eine Aufgabe kosteneffizienter erledigen kann als ein Mensch, werden Unternehmen sie letztendlich übernehmen. Sie haben kaum eine Wahl. Denn wenn sie im Gegensatz zu ihren Mitbewerbern darauf verzichten, sinken die Kosten für ihre Waren oder Dienstleistungen nicht, und sie werden von den Marktbegleitern verdrängt. Langfristig überleben nur jene, die diese neue Technologie adaptieren.
Die Geschichte liefert dafür zahlreiche Belege. In vielen Ländern waren um die Wende zum 19. Jahrhundert bis zu 80 Prozent der gesamten Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt. Mechanisierung und Logistik haben diesen Anteil im gesamten „Globalen Norden“ heute auf drei Prozent oder weniger gesenkt. Im verarbeitenden Gewerbe lag der Höchststand einst bei über 30 Prozent der Gesamtbeschäftigung; heute ist dieser Anteil infolge von Mechanisierung und Robotisierung in einigen Volkswirtschaften auf 15 Prozent gesunken. Büroarbeit erreichte einen Spitzenwert von 20 Prozent, der dann aber durch die Verbreitung von Computern halbiert wurde.
Diese Dynamik spiegelt sich auch auf globaler Ebene wider – Länder, die sich nicht entsprechend anpassen, unterliegen jenen, die es tun, und riskieren damit den Verlust ihrer globalen Wettbewerbsfähigkeit. Aus diesem Grund entscheiden sich Regierungen in der Regel eher für die Subventionierung statt für die Besteuerung von technologischen Innovationen und deren Einsatz – etwa durch beschleunigte Abschreibung oder Investitionszulagen.
Eine schnellere Adaption bedeutet höhere Wettbewerbsfähigkeit, sowohl national als auch global. Das bringt weitere Vorteile mit sich: Durch den Einsatz von Technologie erhöhen sich die Löhne der Arbeitskräfte, deren Arbeit sie ergänzt. Die Kehrseite davon ist aber, dass weniger Arbeitskräfte eingestellt werden, deren Aufgaben durch diese Technologie substituiert werden.
Was kann die Politik tun?
Wenn wir Technologie nicht besteuern können, was kann die Politik stattdessen tun? Historisch gesehen hat Technologie Arbeitsplätze gleichzeitig vernichtet und neu geschaffen. Die politische Herausforderung bestand daher nicht darin, das Problem der Massenarbeitslosigkeit zu lösen, sondern darin, Arbeitskräfte von obsoleten hin zu neuen Tätigkeiten umzuleiten. Mobilitätszuschüsse können Arbeitnehmern dabei helfen, aus strukturschwächeren Regionen in florierende Gebiete zu ziehen, wodurch geografische Disparitäten auf dem Arbeitsmarkt verringert werden. Bildungssysteme bieten Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung, um die Qualifikationslücke (Skill-Mismatch) zu schließen.
Kann das gleiche politische Rezept heute noch funktionieren? Die aktuelle technologische Transformation ist anders. Erstens ist das Tempo des Wandels höher – im Vergleich zu anderen Basistechnologien wie Elektrizität, Computern oder dem Internet verbreitet sich KI schneller. Zweitens ist die Technologie leistungsfähiger – das Spektrum menschlicher Aufgaben, die KI, Roboter und deren Kombination bewältigen können, ist breiter als bei früheren Technologien. KI kann komplexere kognitive Aufgaben ausführen als jede Technologie zuvor. Drittens könnten die Arbeitsplätze, die sie schafft, zeitlich und qualifikationsbezogen weit entfernt von jenen sein, die sie vernichtet. Ein rascher Wandel könnte dazu führen, dass viele Arbeitsplätze verschwinden, noch bevor neue entstehen.
Auftauchende Berufe – wie KI-Prompt-Engineer, Dateningenieur oder KI-Ethiker – sind möglicherweise nicht für jeden zugänglich. Wenn wir Technologie nicht besteuern können, können wir dann Arbeit geringer belasten? Der Anteil der Steuern und Abgaben an den Gesamtarbeitskosten lag im Jahr 2024 im OECD-Durchschnitt bei fast 35 Prozent. Dies schafft für Unternehmen massive Anreize, in Technologie statt in Arbeitskraft zu investieren, sofern entsprechende Technologien verfügbar sind. Meiner Ansicht nach könnte ein Teil davon den Arbeitnehmenden zugutekommen.
Eine Möglichkeit wäre, einen Teil dieser staatlichen Einnahmen für die Finanzierung individueller Weiterbildungsmöglichkeiten zu verwenden – zweckgebundene Mittel, die jeder Einzelne im Laufe der Zeit ansammelt und für Umschulungen sowie die Deckung seiner Lebenshaltungskosten während der Fortbildungszeiten nutzen kann. In Frankreich beispielsweise finanziert ein lohnbasierter Beitrag der Arbeitgeber ein entsprechendes Programm (Compte personnel de formation). In Österreich wird ein Teil der Abgaben auf Arbeit über die österreichische Bildungskarenz in die Erwachsenenbildung reinvestiert; hier können Arbeitnehmer bis zu zwölf Monate bezahlten Urlaub für Weiterbildungen nehmen. Solche Modelle können dazu beitragen, die durch Technologie verursachte Qualifikationslücke zu schließen.
Die Richtung beeinflussen
Wie wäre es, die Richtung technologischer Innovationen durch politische Maßnahmen zu beeinflussen? Technologie übernimmt einige Arbeitsaufgaben komplett und unterstützt bei anderen. Beides steigert die Produktivität – entweder durch die Reduzierung des Bedarfs an Arbeitskräften oder indem deren Arbeit produktiver gemacht wird. Warum also nicht die Entwicklung und den Einsatz dieser unterstützenden Technologien subventionieren?
Es lohnt sich, über diese Idee nachzudenken, auch wenn der Teufel im Detail stecken mag: Der Grad an Unterstützung ist schwer zu messen, und Unternehmen könnten es sich sehr einfach machen, indem sie jede Technologie derart deklarieren.Was aber, wenn die Transformation so disruptiv ist, dass sie eine zeitliche und qualifikationsbezogene Kluft schafft, die für den Einzelnen nur schwer zu überbrücken ist? Dieses Szenario wird von der Politik selten aufgegriffen, aber die Zeit könnte reif sein, darüber nachzudenken.
Stellen Sie sich eine Welt vor, in der – zumindest vorübergehend – der Großteil der Arbeitsleistung in einer Volkswirtschaft von Technologie erbracht wird und die verbleibende menschliche Arbeit eine extrem hohe Qualifikation erfordert. Heutige Steuersysteme, die stark auf der Besteuerung von Arbeit basieren, würden kollabieren, und es gäbe kaum Spielraum für Umverteilung, um die vielen arbeitslosen und ‚unqualifizierten‘ Menschen zu unterstützen. Um ein Finanzsystem aufrechtzuerhalten, das weiterhin in den Menschen investieren kann, müsste die Quelle der Steuereinnahmen von Arbeit auf Technologie verlagert werden.
Der „Red-Queen-Effekt“
Eine Möglichkeit wäre, dass Staaten sich an KI beteiligen. Der Aufbau von KI erfordert öffentliche Infrastruktur und gewaltige Mengen an Bürgerdaten; Regierungen könnten beispielsweise Gebühren für die Datennutzung erheben. Es wird erwartet, dass KI hohe Gewinne aufgrund von Netzwerkeffekten, Skaleneffekten und der Kontrolle über Daten generiert. Dies ist in gewisser Weise mit der Ölförderung vergleichbar.
Als Vorbild könnten staatliche Investmentfonds in ölreichen Volkswirtschaften dienen, wie etwa der staatliche Pensionsfonds Norwegens. Im Unterschied zu traditionellen Staatsfonds könnte dieser Fonds gesellschaftlich wertvolle Arbeit finanzieren, die der Markt unterbewertet – Kinderbetreuung, Altenpflege, gesellschaftliches Engagement und Umweltschutz. Auf diese Weise würden nicht nur Lebensgrundlagen geschützt, sondern auch ein Beitrag dazu geleistet, um den entscheidenden Wert zu erhalten, den Arbeit stiftet.
Schöpferische Zerstörung war schon immer ein Merkmal des technologischen Fortschritts. Dieses Mal ist die Transformation schneller und umfassender als je zuvor. Wir erleben, wie sich vor unseren Augen der „Red-Queen-Effekt“ entfaltet: Um mit der Technologie Schritt zu halten, müssen die Menschen schneller rennen als je zuvor. Unser stärkster Hebel ist die staatliche Politik, und wir sollten uns nicht scheuen, ihn einzusetzen. (LN)
INFO-BOX
Red-Queen-Effekt
Der Red-Queen-Effekt (auch Red-Queen-Hypothese) geht auf „Alice hinter den Spiegeln“ von Lewis Carroll zurück. Dort erklärt die Rote Königin: „Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst.“ Er kommt aus der Evolutionsbiologie und besagt, dass Arten aufgrund beständigen Konkurrenzdrucks immer neue adaptive Anstrengungen und Weiterentwicklungen hervorbringen müssen, um nicht unterzugehen.
DIE AUTORIN
Ljubica Nedelkoska ist Senior Scientist am Complexity Science Hub in Wien.
Nähere Informationen finden Sie unter https://csh.ac.at/