Geopolitik im Datacenter

NEW BUSINESS Guides - IT- & DIGITALISIERUNGS-GUIDE 2026
Digitale Souveränität ist Sicherheitspolitik, Innovationspolitik und Demokratiepolitik zugleich. © Adobe Stock/Kedsara

Europa steht an einem Wendepunkt. ­Angesichts der geopolitischen ­Entwicklungen ist das Ziel „digitale Souveränität“, technologische ­Unabhängigkeit und Autarkie ...

... aber ohne Abschottung und ­Protektionismus. ­Österreich hat dabei die Initiative ergriffen.

Technologische Buzzwords kommen ins Gespräch, erreichen die breite Öffentlichkeit, bleiben eine Weile, setzen sich durch oder auch nicht und verschwinden dann meistens wieder dorthin, wo sie eine praktische Rolle spielen – in die IT-Abteilungen, Rechenzentren und die Büros von Chief Information Officers. Das ist der Gang der Dinge, wie sich leicht anhand von Begriffen wie Web 2.0, Cloud-Computing oder aktuell künstlicher Intelligenz nachvollziehen lässt. Doch in letzter Zeit läuft ein anderer Begriff der allgegenwärtigen KI fast den Rang ab: die „digitale Souveränität“.

Die geopolitischen Verwerfungen der jüngeren Tage haben den Aufstieg dieses Begriffs enorm befeuert, besonders in den europäischen Köpfen. Wenn auf Geheiß eines anderen Staates plötzlich E-Mail-Konten hoher Amtsträger gesperrt werden oder die Angst im Raum steht, dass wichtige Daten von den Behörden anderer Länder eingesehen werden könnten, ist es auch kein Wunder, dass die Unabhängigkeit von der Willkür einzelner handelnder Personen oder Unternehmen eine zentrale Rolle im öffentlichen Diskurs spielt – und sie damit aufs Tapet der nationalen und internationalen Politik bringt. Österreich hat in diesem Zusammenhang in den vergangenen Monaten eine Führungsrolle übernommen. Doch bevor wir dazu kommen, klären wir erst eine grundlegende Frage: Was ­bedeutet es überhaupt, digital souverän zu sein?

Was ist digitale Souveränität?
Unter digitaler Souveränität versteht man im Kern die Fähigkeit von Einzelpersonen, Unternehmen und Staaten, die Digitalisierung selbstbestimmt und unabhängig zu gestalten, anstatt von den Entscheidungen und Technologien weniger, meist außereuropäischer Anbieter abhängig zu sein. Sie wird oft auf die gleiche Stufe gestellt wie die Unabhängigkeit auf Gebieten wie Energie und Rohstoffversorgung. Zu den wesentlichen Dimensionen zählen:

• Datensouveränität: Wo liegen meine Daten physisch? Welcher Gerichtsbarkeit unterliegen sie? Wer hat letztlich die Hoheit darüber?
• Operative Souveränität: Hier geht es um die Kontrolle über den laufenden Betrieb. Wer sind die Menschen, die das System betreuen, und wo befinden sie sich? Ein souveräner Betrieb sollte idealerweise ausschließlich durch Personal mit Wohnsitz in der EU und ohne kritische Abhängigkeiten von Infrastruktur außerhalb der EU erfolgen.
• Technologische Souveränität: Wo kommen die Geräte und die Programme her? Diese ­Dimension ist die schwierigste, da besonders Hardware, aber auch weitverbreitete Software in den meisten Fällen nicht aus Europa stammt, sondern aus den USA oder China.
• Ein Spezialfall ist – hier kommt wieder das andere Buzzword ins Spiel – die KI-Souveränität Europas. Da künstliche Intelligenz als Schlüsseltechnologie gilt, umfasst Souveränität hier die Kontrolle über die Infrastruktur, die Trainings­daten und die Modelle.
Eine komplette Autarkie Europas oder gar einzelner Nationen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit kann zumindest kurz- bis mittelfristig als illusorisch angesehen werden – und ist möglicherweise auch gar kein erstrebenswertes Ziel. Doch es ist wichtig, sich auf verschiedene Szenarien vorzubereiten.

Nehmen wir als Beispiel ein Unternehmen, das dem Ruf der Hyperscaler folgend für seinen IT-Betrieb auf Ressourcen aus der Cloud setzt. Die Daten lassen sich gut durch Verschlüsselung schützen, sodass es praktisch ausgeschlossen werden kann, dass ein fremdes Unternehmen oder die Behörden eines anderen Staates mitlesen können. Die Informationen sind damit geschützt, unabhängig davon, wo die Server stehen. Aber wenn plötzlich der Stecker gezogen wird und man keinen Zugriff mehr auf die benötigten Ressourcen hat, hilft einem das auch nicht mehr weiter.

Oder der Betreiber eines Rechenzentrums, der mit der üblichen Hardware, bestehend aus Servern, Netzwerkkomponenten und so weiter, ausgestattet ist. Die Geräte lassen sich vor der Manipulation von außen bis zu einem gewissen Grad abschirmen. Aber was, wenn sie kaputtgehen und Wartung oder Ersatzteile notwendig sind, die nur der Hersteller liefern kann?

Österreich übernimmt Führungsrolle
Vor diesem Hintergrund hat Österreich im Jahr 2025 eine Führungsrolle in Europa übernommen. Der Startschuss dafür fiel im Juni beim TTE-Rat (Transport, Telekommunikation und Energie) in Luxemburg. Erstmals setzte Österreich dort das Thema der digitalen Souveränität offensiv auf die europäische Agenda. Im September folgte ein hochrangiger Gipfel in Wien. Unter der Leitung des österreichischen Digitalisierungsstaatssekretärs Alexander Pröll und der EU-Kommissarin Henna Virkkunen wurden gemeinsam mit allen Mitgliedsstaaten die Eckpunkte für eine gemeinsame europäische Strategie erarbeitet. 

Im November folgte dann der bisherige Höhepunkt: Bei dem Gipfel zur europäischen digitalen Souveränität in Berlin wurde die von Österreich initiierte „Declaration on European Digital ­Sovereignty“ präsentiert und von allen 27 EU-Mitgliedsstaaten unterstützt. 
„Ich freue mich sehr über den großen Zuspruch aller meiner europäischen Kolleginnen und Kollegen. Die in Wien initiierte Deklaration wurde von allen 27 europäischen Mitgliedsstaaten verabschiedet. Alle haben die Wichtigkeit verstanden. Nun haben wir ein gemeinsames Ziel und haben den Weg dorthin festgelegt. Denn digitale Souveränität ist Sicherheitspolitik, Innovationspolitik und Demokratiepolitik zugleich. Wir handeln jetzt – entschlossen, national und europäisch und mit klarem Ziel: Europa digital selbstbestimmt zu machen“, so Digitalisierungsstaatssekretär Pröll und weiter: „Digitale Souveränität heißt, dass Europa selbst entscheidet, wie es seine Technologien nutzt, Daten schützt und Innovationen gestaltet – unabhängig, sicher und im Einklang mit unseren Werten. Ich bin stolz, dass Österreich diesen Prozess angestoßen und in Europa vorangebracht hat.“

Diese Deklaration bildet das Herzstück der aktuellen europäischen Digitalstrategie und definiert so etwas wie einen gemeinsamen europäischen Handlungsrahmen, der digitale Souveränität eben als – wie schon von Pröll gesagt – eine untrennbare Einheit aus Sicherheits-, Innovations- und Demokratiepolitik begreift, um die digitale Selbstbestimmung Europas dauerhaft abzusichern. In der praktischen Umsetzung konzentriert sich das Abkommen auf den Aufbau offener Standards und interoperabler Systeme, um einseitige technologische Abhängigkeiten und den sogenannten Vendor-Lock-in, also den De-facto-Zwang, bei einem Anbieter zu bleiben, zu verhindern.

Zu den strategischen Eckpfeilern zählen die Förderung gemeinsamer Cloud-Infrastrukturen, der verstärkte Einsatz von Open Source sowie gezielte Investitionen in Schlüsseltechnologien wie künstliche Intelligenz, Cyber­security und Quantentechnologie. Dabei soll es nicht um eine Abschottung gehen, ­sondern um die notwendige Wahlfreiheit und das ­Schaffen von Alternativen, um die europäische Wirtschaft resilient gegenüber geopolitischen Dynamiken aufzustellen.

Initiativen und Stimmen aus dem Land
Vorbildwirkung hat Österreich im November auch damit übernommen, dass der „Digital ­Austria Act 2.0“ zur Erreichung der digitalen Unabhängigkeit in der heimischen Verwaltung beschlossen wurde. Er soll einen strategischen Rahmen bilden und eine bundesweit abgestimmte, interoperable und zukunftssichere Digitalisierungsbasis schaffen. Ein zentrales Instrument ist der Souveränitätskompass, der Behörden hilft, digitale Abhängigkeiten systematisch zu erfassen, Risiken zu bewerten und konkrete Verbesserungen abzuleiten.

Darüber hinaus wurde auch ein Ministerratsvortrag der Regierung beschlossen, der zwölf konkrete Maßnahmen im Bereich der ­digitalen Souveränität auf nationaler Ebene beinhaltet. Darunter das Bekenntnis zu offenen Alternativen im Office-Bereich, die Verankerung des Kriteriums der digitalen Souveränität bei Vergaben des Bundes im Bundesvergabegesetz oder ein „Souveränitätsbonus“ für Projekte oder Initiativen aus Österreich und Europa.

Die heimische Wirtschaft zeigte sich überwiegend erfreut über diese Vorstöße. So wie Stefan Ebenberger, Generalsekretär des Dachverbands der Internetwirtschaft ISPA: „Wir begrüßen es sehr, dass die Regierung die Bedeutung der Digitalpolitik erkannt hat und sie entsprechend priorisiert. Eine Steigerung der digitalen Souveränität ist dabei ein wichtiger Schritt, den wir schon in unserem Positionspapier vor der Wahl gefordert haben.

Denn eins ist klar: Wir müssen unsere Verhandlungsmacht stärken, und wer heute nicht souverän über seine Technik ist, riskiert das morgen auch bei seiner Wirtschaft, Sicherheit und Demokratie.“ Allerdings gab Ebenberger auch zu bedenken, dass europäische digitale Souveränität nicht Protektionismus bedeuten sollte: „Das Ziel muss ein echter, funktionierender Wettbewerb und faire internationale Kooperation sein. Zumal es wenig hilft, wenn wir mangelnden Wett­bewerb und Abhängigkeit durch europäische Marktkonzentration ersetzen.“

Auch das österreichische Cloud-Unternehmen Anexia und seine Tochterfirmen, darunter die deutsche netcup, begrüßten im November die von Österreich initiierte „Declaration on Euro­pean Digital Sovereignty“ mit großer Zuversicht. „Die digitale Souveränität Europas ist kein Traum, sondern ein realistisches Ziel“, erklärte Anexia-CEO Alexander Windbichler. „Europa hat zahlreiche starke Unternehmen, die diese Aufgabe stemmen können und wollen. ‚Made in Europe‘ bedeutet Sicherheit, Verlässlichkeit und Transparenz.

Das ist das europäische Versprechen – und es ist viel wert.“ Um dieses Ziel zu erreichen, sei es notwendig, digitale Infrastrukturen in Europa auch bei europäischen statt bei inter­nationalen Anbietern zu betreiben. Außerdem müsse Europa internationale Konzerne in die Pflicht nehmen, ihre Services zu europäischen Bedingungen anzubieten. So erlange Europa wieder Kontrolle über seine eigenen digitalen Infrastrukturen.

Hyperscaler steuern gegen
Die Bedeutung von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit für ihre Kundinnen und Kunden in Europa ist den großen globalen Anbietern selbstverständlich ebenfalls nicht entgangen. ­Entsprechende Angebote wurden bereits angekündigt und sogar lanciert. So hat beispielsweise Microsoft letzten Juni eine eigene Rechenzen­trumsregion in Österreich eröffnet. Sie soll es Unternehmen und der öffentlichen Verwaltung in Österreich erlauben, ihre Daten sicher, datenschutzkonform und lokal zu speichern und zu verarbeiten.

„Mit unserer neuen Cloud Region schaffen wir eine sichere und nachhaltige digitale Infrastruktur direkt in Österreich. Für Unternehmen und den öffentlichen Sektor bedeutet das: Sie behalten die volle Kontrolle über ihre Daten – lokal und datenschutzkonform – und können gleichzeitig auf die Innovationskraft und Skalierbarkeit der globalen Microsoft-Cloud mit geringen Latenzen zugreifen. Zugleich investieren wir breit in individuelle sowie Schulungsmaßnahmen für Unternehmen, um digitale Kompetenzen zu erwerben und aufzubauen. Denn nur Anwendung von Innovation schafft Nutzen und Mehrwert“, sagte damals Florian Slezak, Cloud Region Lead bei Microsoft Österreich.

Die Eröffnung der Rechenzentrumsregion in Österreich folgte auf eine Ankündigung Microsofts aus dem vergangenen Mai, in der das Unternehmen fünf digitale Zusicherungen für Europa vorstellte. Dazu gehören der Ausbau der Cloud- und KI-Infrastruktur in Europa sowie eine klare Verpflichtung, Europas digitale Resilienz sicherzustellen – unabhängig von geopolitischen oder weltwirtschaftlichen Entwicklungen.

Im Jänner dieses Jahres hat dann Amazon nachgezogen und die allgemeine Verfügbarkeit seiner AWS European Sovereign Cloud bekannt gegeben – eine neue, unabhängige Cloud für Europa, die sich vollständig in der EU befindet sowie physisch und logisch von anderen AWS-Regionen getrennt ist. Alles, was für den Betrieb der AWS European Sovereign Cloud erforderlich ist, befindet sich Amazon zufolge in der EU: die Talente, die Infrastruktur und das Führungsteam. Es gäbe keinerlei operative Kontrolle außerhalb der EU-Grenzen, verspricht das Unternehmen.

Was dabei hervorgehoben wird: Es soll keine kritischen Abhängigkeiten von Infrastruktur außerhalb der EU geben, und die europäische Cloud soll unbegrenzt weiterbetrieben werden können, sogar im Fall von Konnektivitätsunterbrechungen zwischen der AWS European Sovereign Cloud und dem Rest der Welt. Das bedeutet im Klartext: Selbst wenn jemand den Stecker zieht, laufen die Services weiter, und europäische Unternehmen können weiterarbeiten. Die erste Region der AWS European Sovereign Cloud ist im ­deutschen Brandenburg stationiert, weitere sogenannte Local Zones sind in Belgien, den Niederlanden und Portugal geplant.

Europäische Anbieter mischen mit
Schon etwas früher, im September, hat Europas Software-Aushängeschild SAP seinen Ansatz für digitale Souveränität und KI-Innovation in der „Alten Welt“ vorgestellt. Mit den erweiterten Angeboten des SAP-Sovereign-Cloud-Portfolios erhalten europäische Kunden Zugang zu einem umfassenden Technologie-Stack, der sowohl die SAP Cloud Infrastructure als auch SAP Sovereign Cloud On-Site umfasst. Unternehmen haben so einerseits die volle Kontrolle über die Infrastruktur, können aber gleichzeitig trotzdem an den fortlaufenden Innovationszyklen teilhaben.

­Andreas J. Wagner, Geschäftsführer von SAP Österreich, ordnete im Zuge dessen die Bedeutung der Ankündigung für den heimischen Markt ein: „Die neuen souveränen Cloud-Angebote von SAP sind ein wichtiger Meilenstein für die österreichische Wirtschaft und Verwaltung. Mit diesen Lösungen können Unternehmen und öffentliche Institutionen sicherstellen, dass ihre Daten in Europa verbleiben, und gleichzeitig von den neuesten Cloud- und KI-Technologien profitieren. Dies stärkt nicht nur die digitale Souveränität Österreichs, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit im globalen Markt. Durch die Möglichkeit, sensible Daten in souveränen Umgebungen zu verarbeiten, bietet SAP eine zukunftsweisende Plattform für datengetriebene Innovationen und sichert damit den technologischen Fortschritt unseres Landes.“ 

SAP-Sovereign-Cloud-Lösungen sind dabei unter anderem über das SAP-Rechenzentrumsnetzwerk, das Daten nur in der EU speichert, verfügbar, aber auch auf einer von SAP betriebenen Infrastruktur, die sich in einem vom Kunden ausgewählten oder im Eigentum des Kunden stehenden Rechenzentrum befindet. Diese Lösung erfüllt laut dem Anbieter höchste ­Anforderungen an Daten-, Betriebs-, Technik- und Rechtssouveränität. Darüber hinaus können ­diese SAP-Dienste auch über die Delos-Cloud in Deutschland bereitgestellt werden – und, wie ebenfalls im September von Amazon mitgeteilt wurde, im Rahmen einer Kooperation auch in der AWS European Sovereign Cloud.

Eine strategische Aufgabe
Die digitale Souveränität ist am Ende kein rein technisches Problem, sondern eine Frage der strategischen Weitsicht. Es geht darum, Entscheidungen zu treffen: Welche Applikation braucht welches Schutzniveau? Wo ist die Flexibilität eines Hyperscalers unverzichtbar, und wo erfordern sensible Betriebsgeheimnisse eine rein europäische Umgebung? Die Weichenstellungen des Jahres 2025 – von der Berliner Erklärung bis zum Digital Austria Act 2.0 – haben den Rahmen geschaffen. Doch Souveränität entsteht nicht durch Verordnungen allein, sondern nur durch Taten, entsprechende Angebote und ein lebendiges Ökosystem.

Für die heimische Wirtschaft bedeutet das: Der Weg in die digitale Unabhängigkeit ist kein Sprint, sondern ein strategischer Umbau. Es geht nicht um die totale Autarkie, sondern um die (Rück-)Gewinnung der Wahlfreiheit. Wer heute investiert, sei es in Open-Source-Strategien, ­lokale Cloud-Partner oder den Aufbau seiner individuellen KI-Expertise, sichert nicht nur ­seine Daten, sondern auch seine eigene Zukunftsfähigkeit und leistet damit nicht zuletzt einen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Österreich. Und wenn doch einmal jemand den Stecker ziehen sollte, ist es gut, noch mindestens einen weiteren in Reserve zu haben. (RNF)