Die Effekte des Mercosur-Abkommens werden für den Außenhandel und die Wertschöpfung der EU positiv sein, aber auch klein, sagt der Handelsökonom Oliver Reiter vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche. Auch die Auswirkungen auf die europäische Landwirtschaft werden insgesamt gering sein. "Insbesondere für ein kleines Binnenland wie Österreich erwarte ich keine großen Umschwünge bei unseren landwirtschaftlichen Importen", sagte Reiter am Freitag zur APA.
Bei dem Handelsabkommen zwischen der EU und den vier südamerikanischen Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay (Mercosur) gehe es in erster Linie um einen leichteren Marktzugang durch den Abbau von Zöllen, erklärte der wiiw-Ökonom. "Etwa 90 Prozent der Produkte werden dann zollfrei oder mit sehr geringen Zöllen gehandelt werden." Auf Brasilien entfallen rund drei Viertel der Wirtschaftsleistung der Mercosur-Staaten.
Allerdings dürfe man die Bedeutung des Mercosur-Abkommens auch nicht überschätzen, "ich erwarte keine großen Umwälzungen", meinte Reiter. "Diese südamerikanischen Staaten sind nur ganz kleine Handelspartner der EU." Brasilien, das mit Abstand größte dieser Länder, habe nur einen Anteil von rund 2 Prozent an den Importen der EU. Das Abkommen sei andererseits aber auch "ein geopolitisches Signal, dass die EU immer noch ein gewisses Gewicht habe auf globaler Ebene" und es sei in der heutigen multipolaren Welt "ein Strohhalm für die EU, weiterhin irgendwie relevant zu bleiben". Im Hinblick auf kritische Rohstoffe sei das Abkommen eine Möglichkeit, die Abhängigkeit von anderen Ländern etwas zu verringern.
Erwartete Handelseffekte gering
Bisher exportiere die EU in die Mercosur-Länder vor allem Industriegüter und importiere von dort Agrargüter. Diese Tendenzen dürften sich verstärken und es dürfte zu einem erhöhten Import von landwirtschaftlichen Gütern kommen, was zu einem gewissen Preisdruck für die europäische Landwirtschaft führen werde, meint Reiter. "Insgesamt erwarte ich aber, dass dieser Druck relativ klein sein wird." Das gelte besonders für ein kleines Binnenland wie Österreich. Stärker könnte der Konkurrenzdruck für einzelne Betriebe sein, die leicht ersetzbare Produkte erzeugen. "Aber ich erwarte jetzt nicht, dass ein Biorindfleisch-Hersteller aus Oberösterreich, der Angus-Rinder züchtet, dass er jetzt auf einmal um seinen Absatz fürchten muss." Ein Großhersteller von Billig-Rindfleisch könnte eher betroffen sein.
Insgesamt werden die Handelseffekte für die EU insgesamt im niedrigen einstelligen Prozentbereich oder überhaupt unter einem Prozent liegen, schätzt frt wiiw-Ökonom. In einzelnen Branchen, etwa bei den Exporten der Pharmaindustrie oder Autos könnten die Effekte größer sein. Einzelne Sektoren dürften von Mercosur also stärker profitieren.
Wenn es zu einem Preisdruck durch Importe aus den Mercosur-Ländern kommt, dann werden die Produkte auch für Konsumenten billiger, so Reiter. Dieser Effekt werde aber "wahrscheinlich kaum merklich sein".
Oberhuber: "Mercosur allein wird nicht ausreichen"
Wifo-Ökonom Harald Oberhofer sagte im Ö1-"Mittagsjournal", das Mercosur-Abkommen werde den Handel zwischen den Mercosur-Staaten und den EU-Ländern "natürlich fördern". Die Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump und seine Zölle bedeuteten einen ökonomischen Schaden für Europa. "Neue Handelsabkommen, im konkreten Fall das Mercosur-Abkommen, können diesen Schaden kompensieren", so Oberhofer. Das Mercosur-Abkommen allein werde dafür aber nicht ausreichen. Oberhofer verwies auf Schätzungen, wonach das Abkommen mittelfristig ein Drittel bis zur Hälfte des Schadens der US-Handelsbeschränkungen ausgleichen könnte.
Nach Einschätzung des Handelsökonomen könne Österreichs Landwirtschaft vom Mercosur-Abkommen auch profitieren und neue Märkte erschließen. Für hochwertige Agrarprodukte wie Wein betrugen die Zölle der Mercosur-Staaten bisher 20 bis 30 Prozent. Würden diese dank Abkommen auf null gesenkt, wäre das eine Chance, heimischen Wein dorthin zu verkaufen, nannte Oberhofer als Beispiel.
(APA)