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Alibaba, Amazon und Google zum Trotz bestellen Stahlkunden nach wie vor telefonisch oder per Fax - eine ganze Branche hält an den langjährigen Traditionen fest, zumindest bislang. Die Vorteile der Digitalisierung sind auch im Stahlhandel nicht von der Hand zu weisen, zumal ein Vorreiter zeigt, wie die digitale Transformation dieser Traditionsbranche gelingen kann.

In einigen Branchen ist die Zukunft längst angekommen: Die gesamte Leistungs- und Lieferkette ist digitalisiert, sämtliche Daten werden in Echtzeit verarbeitet - vom Bestellungseingang über die Order beim Produzenten bis hin zur pünktlichen Auslieferung an den Kunden. Die Informationen stehen direkt der Buchhaltung zur Verfügung, Rechnungslegung, Buchung und bei Bedarf Mahnverfahren werden automatisiert erledigt. So funktionieren optimierte Prozesse, so lässt sich die Effizienz im Verhältnis zur analogen Welt auf ein neues Level heben. Was sich in Handelsunternehmen längst durchsetzt, stellt für andere Branchen hohe Hürden auf - insbesondere im Stahlhandel, der auf lange Traditionen zurückblickt.

Analog trifft Digital: Stahlbranche im Umbruch

Eben diese Traditionen haben im Stahlhandel für Stillstand gesorgt: Bestellungen gehen per Telefon oder Fax ein und werden bevorzugt von Hand verarbeitet - von einzelnen Teilbereichen, die bereits digitalisiert wurden, abgesehen. Und hier offenbart sich das ganze Dilemma: Es fehlt ganz einfach die für zielgerichtete Auswertungen notwendige Masse an digitalen Daten, um beispielsweise den Stahlbedarf exakt ermitteln und so die Produktion genauer steuern zu können. Damit bleibt es bei der relativ großen Zeitspanne, die zwischen Bestellung und Auslieferung vergeht - und bei den dadurch hohen Kosten und Kapitalbindung, die mit der Lagerung und oftmals unumgänglichen Umlagerung der Erzeugnisse einhergehen.

Das wird sich jedoch eine Stahlbranche nicht auf Dauer leisten können, steht sie doch angesichts der fernöstlichen Billigangebote ohnehin unter Preisdruck. Auf der anderen Seite lassen sich die Effizienzsteigerungen, die andere Wirtschaftsbereiche durch Digitalisierung und Automatisierung realisieren, nicht von der Hand weisen. Hier ist also ein großer Wurf gefragt, der die Traditionen in Frage stellt und moderne Ansätze Einzug halten lässt: Agile Produktentwicklung, Design Thinking, Scrum & Co. und nicht zuletzt eine vollkommen neue Fehlerkultur machen die digitale Transformation erst möglich - und das in allen Bereichen heutiger Unternehmen.

Digitalisierung im Stahlhandel: Vorreiter und Startups als Vorbilder nutzen

Naturgemäß tun sich Startups leichter, wenn es um die Optimierung von Prozessen geht: Hier sind die Hierarchien deutlich flacher, innovative Techniken zur Produktentwicklung und Entscheidungsfindung lassen sich unkompliziert anwenden, die Kommunikation ist schon wegen der kleinen Teams effizienter. Und doch können auch die traditionsreichen Stahlunternehmen von dieser Herangehensweise lernen, nicht zuletzt auf diese Weise konnte die Klöckner & Co SE zum digitalen Vorreiter werden: Der Konzern gründete vor vier Jahren selbst einen Innovation Hub, der die wichtigen Impulse für eine stringente Digitalisierungsstrategie entwerfen und testen sollte. Heute erleichtern die Ergebnisse bereits erheblich die Geschäftsabläufe, wie zum Beispiel das Kontraktportal mit allen Auftrags- und Vertragsdaten oder der Online-Shop. Hier können Bestandskunden ganz einfach Erzeugnisse zu ihren jeweils festgelegten Konditionen abrufen. Für Klöckner eröffnet sich gleichzeitig das Potenzial, anhand der erfassten Daten die Produktentwicklung gezielt voranzutreiben, aber auch die etablierten Erzeugnisse besser auf den Bedarf abstimmen zu können. Gleichzeitig vereinfachen die Auswertungen zu Kundenverbindungen und -verhalten die gezielte Ansprache und damit den Verkauf.

Fakt ist jedoch, um diese Erfolge zu erzielen, muss ein Unternehmen die Digitalisierung zur Chefsache machen - und das mit aller Konsequenz:

• Die Chefetage ist als Vorbild gefragt - authentisch und nachvollziehbar.
• Die notwendigen Kompetenzen müssen bereitgestellt und abteilungsübergreifend gebündelt werden.
• Die Belegschaft muss effektiv mitgenommen werden - das funktioniert nur mit Transparenz und intensiver Kommunikation.
• Die alten Hierarchien müssen weichen und Platz für neue Organisationsformen machen.
• Die unvermeidlichen Fehler müssen als Chance wahrgenommen und genutzt werden.

Eine neue Software hier, ein automatisierter Teilprozess da - das ist keine digitale Transformation, so kann das enorme Potenzial nicht ausgeschöpft werden. Vor allem die Hierarchien, die über Jahrzehnte gewachsen und auch verkrustet sind, stehen dem Fortschritt im Wege. Hier ist eine die verschiedenen Abteilungen und hierarchische Ebenen übergreifende, intensive Kommunikation unerlässlich. Und ein offener Umgang mit Fehlern und Problemen, die unweigerlich bei der Implementierung auftreten, aber eben auch die Möglichkeit der Nachbesserung und Optimierung eröffnen. Klöckner geht konsequent diesen Weg und dürfte die gesamte Branche revolutionieren.

Chancen und Risiken: Digitales Potenzial ganzheitlich ausnutzen

Die digitale Transformation steckt noch in den Kinderschuhen, aber schon jetzt lässt sich prognostizieren, dass sie die Wirtschaft grundlegend verändern wird: Es entstehen nicht nur neue Services oder Dienstleistungen, sondern vollkommen neuartige Geschäftsmodelle, die die etablierten gehörig unter Druck setzen. Gleichzeitig verändern Kunden ihr Verhalten, die Ansprüche steigen angesichts der Erfahrungen, die sie bereits heute in einigen Branchen machen. Die Stahlbranche kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen. Der große Schritt, den eine gelungene Digitalisierung erfordert, lohnt sich jedoch, wie erste Vorreiter eindrücklich belegen. (red.)