Experten: Denken nicht ganz an KI auslagern © APA - Austria Presse Agentur

Der unreflektierte Einsatz generativer Künstlicher Intelligenz (KI) in Unternehmen kann zu einem schleichenden Verlust menschlicher Kompetenzen führen - vor dieser Entwicklung warnt eine Studie der Boston Consulting Group (BCG). Mehr als 60 Prozent der befragten Führungskräfte sehen in diesem kollektiven Kompetenzabbau eine materielle Bedrohung für ihre Unternehmen. Gleichzeitig droht global eine Spaltung der KI-Märkte, bei der Europa immer weiter den Anschluss verliert.

Besonders gefährdet sind laut der BCG-Studie "When Everyone Uses AI, Companies Risk Losing Critical Skills" das Urteilsvermögen, die Problemlösungskompetenz sowie das kreative und kausale Denken. Wenn Mitarbeiter analytische Routineaufgaben systematisch an KI auslagern, verkümmern diese wesentlichen kognitiven Fähigkeiten.

"Nachwuchskräften KI-freie Entscheidungen ermöglichen"

Der BCG-Experte Nikolaus Lang warnte im Gespräch mit der APA davor, dass Nachwuchskräften künftig die grundlegende Übung fehlen könnte. "Wenn wir den jungen Kolleginnen und Kollegen nicht die Möglichkeit geben, im Kleinen KI-frei Entscheidungen zu treffen, dann haben wir das Problem, dass wir in fünf oder zehn Jahren, wenn es dann um das Milliardenwerk geht, eben nicht die richtige Entscheidungsbasis haben", sagte Lang. Auch bei der Innovationskraft gebe es Risiken, denn "KI ist ja per se nicht kreativ, sondern die KI ist ja immer sozusagen der Rush zum Durchschnitt". Sicher vor dem KI-Ersatz sind hingegen Eigenschaften, die auf menschlichen Beziehungen beruhen, wie Empathie, aktives Zuhören, Neugier, Anpassungsfähigkeit und soziale Einflussnahme.

Um diesem "Distributed De-skilling" entgegenzuwirken, empfiehlt Lang konkrete Gegenmaßnahmen, etwa den sogenannten "Ensemble-Ansatz". Dabei arbeiten Mensch und KI zunächst unabhängig voneinander an einem Problem und führen ihre Ergebnisse erst danach zusammen. Beim Energiekonzern Shell müssen Junior-Mitarbeiter ein Problem zunächst völlig ohne KI strukturieren und eine Basis-Analyse erstellen, bevor sie das KI-Tool nutzen dürfen. Eine weitere Maßnahme sind "KI-freie Zonen" für Aufgaben, die Originalität oder ethisches Urteilsvermögen verlangen, sowie regelmäßige Rituale wie "KI-freie Freitage". Bei einer indischen Bank bearbeiten Nachwuchskräfte an diesen Tagen Management-Aufgaben gänzlich ohne Technologie, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu trainieren, erzählte Lang.

KI-Einsatz kann teurer sein als menschliche Arbeitsleistung

Zusätzlich zum Kompetenzverlust birgt der KI-Einsatz laut BCG auch finanzielle Herausforderungen durch sogenannte "Token" - die grundlegenden Verarbeitungs- und Währungseinheiten von Sprachmodellen. "Da haben wir in spezifischen Anwendungsfällen die Situation, dass die Tokenkosten das X-fache dessen sind, was eigentlich die Arbeitsleistung eines menschlichen Mitarbeiters wäre", gab Lang zu bedenken. Unternehmen müssten genau abwägen, wo KI den größten wirtschaftlichen Nutzen bringt. Firmen sollten daher den "Return on Intelligence" (ROInt) messen. Dieser Wert wird konkret berechnet, indem der geschaffene Wert des Outputs durch die kombinierten Kosten aus menschlicher Arbeitsleistung und dem Token-Verbrauch dividiert wird.

Mit Blick auf die globale KI-Entwicklung zeichnet sich laut der aktuellen BCG-Studie "The Great Divide" eine zunehmende geopolitische Spaltung ab. Während die USA durch massiven Kapitaleinsatz bei leistungsstarken Modellen und der dazugehörigen Infrastruktur dominieren, fokussiert sich China auf kostengünstigere KI-Modelle und forciert eine rasche Durchdringung der Realwirtschaft. Diese Spaltung führt zu zwei zunehmend inkompatiblen Technologieblöcken. Auf technischer Ebene bedeutet das, dass Software und Hardware nicht austauschbar sind: Ein Unternehmen, das seine KI-Anwendungen auf der Software des US-Marktführers NVIDIA aufbaut, kann diese nicht einfach auf chinesischen Huawei-Chips laufen lassen. Der Code müsste aufwendig neu geschrieben werden.

Europa liegt im KI-Wettlauf weit zurück

Europa wird in der Analyse lediglich als Mittelmacht eingestuft, die im globalen KI-Wettlauf weit hinter den USA und China zurückliegt. Zwar versucht die EU, ihr Vorzeigemodell "Mistral" zu fördern und eigene, souveräne Rechenkapazitäten aufzubauen, der Rückstand ist jedoch gewaltig. Umsatz und eingesammeltes Kapital von Mistral betragen nur etwa 2 Prozent von dem, was dem US-Unternehmen OpenAI zur Verfügung steht. Zudem sind allein die für 2026 geplanten Infrastruktur-Investitionen der US-Tech-Giganten mehr als dreimal so hoch wie das gesamte mehrjährige europäische Förderprogramm "InvestAI".

Weil die Mauern zwischen dem US- und dem China-Tech-Stack (Hardware- und Software-Schichten, die zusammenarbeiten müssen, um eine KI-Lösung zu betreiben, Anm.) immer höher werden, warnt die Studie davor, sich von einem einzigen Ökosystem komplett abhängig zu machen. Dies zwingt global agierende Unternehmen dazu, ihre IT-Infrastruktur künftig resilienter und redundanter aufzustellen.

BCG empfiehlt dafür drei Prinzipien: Redundanz, Modularität und Heterogenität. Firmen benötigen Ausweichmöglichkeiten und sollten Verträge mit zwei verschiedenen KI-Modell-Anbietern abschließen. Die IT-Architektur muss so gebaut sein, dass zugrunde liegende KI-Modelle einfach ausgetauscht werden können, ohne den gesamten Code neu schreiben zu müssen. Zudem sollten Ausweichsysteme nicht denselben Risiken unterliegen, etwa indem ein geschlossenes US-Modell mit einer offenen Alternative kombiniert wird. Für ein global agierendes Unternehmen kann das bedeuten, dass es künftig gezwungen ist, zwei getrennte IT-Stacks parallel zu betreiben.