Der neue Tiwag-Speicher Kühtai wird derzeit befüllt © APA - Austria Presse Agentur
Die Erweiterung des bestehenden Tiroler Pumpspeicherkraftwerks Sellrain-Silz nähert sich der Ziellinie. Der neu gebaute Speicher Kühtai und das zugehörige neue Kraftwerk Kühtai II des Landesenergieversorgers Tiwag sollen im August mit dem Probebetrieb beginnen und dann erstmals auch relevante Mengen an Strom produzieren und einspeichern. Die Bauarbeiten sollen im Sommer 2027 abgeschlossen sein, im Vollbetrieb läuft das Kraftwerk dann ab Ende 2027.
Die Tiwag hat die im Kühtai im Bezirk Imst bestehende Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz um einen Speichersee und ein Kraftwerk erweitert. Neben dem bereits in den 1970er-Jahren errichteten oberen Speicher Finstertal auf etwa 2.300 Meter Seehöhe mit einem Speichervolumen von rund 60 Millionen Kubikmeter und dem etwa 400 Meter darunter liegenden Speicher Längental (3 Mio. Kubikmeter) wurde in den vergangenen sechs Jahren der neue Speicher Kühtai auf rund 2.100 Metern (31 Mio. Kubikmeter) und das zugehörige Kraftwerk Kühtai II errichtet. Ebenfalls zur Kraftwerksgruppe gehört das im Inntal auf rund 650 Meter liegende Kraftwerk Silz.
Tiwag-Chef sieht "enorme Bedeutung" für Energiewende
"Für uns ist das enorm wichtig, weil Pumpspeicher eine enorme Bedeutung für die Energiewende haben", sagte Tiwag-Vorstand Alexander Speckle im Zuge einer Besichtigung der Kraftwerksgruppe vor Journalistinnen und Journalisten. Speckle verwies auf die volatile Erzeugung aus Photovoltaik- und Windkraftanlagen. "Da benötigen wir einfach Maßnahmen, um diese Energie zu speichern."
Dem Projekt war eine langwierige Genehmigungsphase vorangegangen: Bereits 2006 begann die Tiwag mit der Planung, das Verfahren zur Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) startete Ende 2009. Den rechtskräftigen Bescheid erhielt der Landesenergieversorger erst 2019, zehn Jahre danach, die Bestätigung durch den Verwaltungsgerichtshof (VwGH) erfolgte 2020. Ende 2019 begann man mit den Vorarbeiten, 2021 dann mit den richtigen Bauarbeiten, die sich nun in der Endphase befinden. Seit Anfang Juni fließt Wasser in den neuen Speicher, seit Mitte Juni ist der sogenannte Grundablass geschlossen und das Becken wird aufgefüllt. Die Befüllung des Speichers erfolgt schrittweise, dabei wird laufend untersucht, ob alle Anlagen wie geplant funktionieren. Ende 2027 soll das dritte Becken dann voll befüllt sein.
Wasserzuleitung aus Nebentälern sorgte für massiven Widerstand
Wasser bekommt der neue Speicher unter anderem über Zuleitungen aus dem Ötztal und dem hinteren Stubaital. Die Tiwag betont, dass dabei lediglich eine "ökologisch vertretbare Menge Wasser" entnommen wird und die natürliche Abflussdynamik auf niedrigerem Niveau erhalten bleibt. Im Winter werde gar kein Wasser entnommen.
Widerstand gegen diese sogenannte Beileitung gab es während des UVP-Verfahrens unter anderem von der Gemeinde Neustift im Stubaital und dem dortigen Tourismusverband, scharfe Kritik an der Errichtung eines neuen Staudamms und der damit verbundenen Flutung des hinteren Längentals kam unter anderem von Umweltschutzorganisationen und dem deutschen sowie österreichischen Alpenverein. Das Projekt wurde jahrelang vor Gericht bekämpft, 2020 waren dann alle juristischen Mittel ausgeschöpft.
Widerstand gibt es auch gegen den Ausbau des Tiwag-Kraftwerks im Kaunertal: Dort soll ebenfalls ein neuer Staudamm errichtet und das Platzatal geflutet werden. Die Pläne für das Mega-Pumpspeicherkraftwerk waren zum ersten Mal im Jahr 2009 eingereicht, die UVP erstmals 2012 gestellt worden, mit dem UVP-Bescheid wird für das Jahr 2027 gerechnet.
Ausgleichsmaßnahmen sollen Umweltverträglichkeit verbessern
Nun neigt sich die Bauphase im Kühtai dem Ende zu, aktuell werden noch letzte Arbeiten am Damm durchgeführt und die Inbetriebnahme des Kraftwerks vorbereitet. In den kommenden Jahren soll die Baustelle unterhalb und rund um die neue Staumauer rückgebaut und Flächen wieder als Viehweiden genutzt werden. Die Talsperre selbst ist ein sogenannter Steinschüttdamm, an der Dammoberfläche sollen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auch wieder Almrosen wachsen.
Für die Genehmigung der Kraftwerkserweiterung verpflichtete sich die Tiwag zu einer Reihe von Ausgleichsmaßnahmen, dazu zählt etwa die Errichtung eines Ausgleichsbeckens beim Kraftwerk Silz im Tal, das Wasserstandsschwankungen bei der Ausleitung des Wassers im Inn abdämpfen und so die gewässerökologische Situation verbessern soll.
Kühtai II startet Probebetrieb
Im August starten die beiden Maschinensätze im Kraftwerk Kühtai II mit dem Probebetrieb. In der Turbine wird dabei hydraulische in mechanische Energie umgewandelt, wenn Wasser auf das Laufrad trifft. Über die Maschinenwelle wird der Generator angetrieben und mechanische in elektrische Energie umgewandelt, also Strom erzeugt.
Die Maschinensätze sind als Pumpspeicher konzipiert, sie können also Strom produzieren, indem Wasser vom oberen Speicher Finstertal abgelassen wird, bei Bedarf aber auch überschüssigen Strom aus dem Netz einspeichern, indem Wasser aus dem Speicher Kühtai wieder hinauf gepumpt wird. Die Anlagen können somit in beide Richtungen betrieben werden. Pro Sekunde fließen dabei bis zu 90 Kubikmeter Wasser durch die beiden Maschinensätze, das entspricht laut Tiwag etwa dem Volumen eines Wohnzimmers mit 36 Quadratmeter Fläche und einer Raumhöhe von 2,5 Metern.
Die Engpassleistung des neuen Kraftwerks Kühtai II liegt bei 190 Megawatt (MW), das bestehende Kraftwerk Kühtai hat eine Engpassleistung von 290 MW und jenes im Tal bei Silz zählt 500 MW. Den Vollbetrieb soll die Kraftwerkserweiterung Ende 2027 erreichen.