Shein leidet unter neuen Zoll- und Abgabenregelungen in USA und Europa © APA - Austria Presse Agentur

Der Online-Modehändler Shein hat bei seinem Börsendebüt für Ernüchterung bei den Anlegern gesorgt. Die Aktie des für extrem günstige Kleidung bekannten Unternehmens fiel am Dienstag an der Börse in Hongkong zeitweise um bis zu zehn Prozent unter ihren Ausgabepreis. Den ersten Handelstag beendeten die Titel dann knapp unter dem Zuteilungspreis von 48,56 Hongkong-Dollar.

Investoren zeigten sich besorgt, dass das Geschäftsmodell durch neue Zoll- und Abgabenregelungen in den USA und Europa ausgehöhlt wird. Diese untergraben den bisherigen Wettbewerbsvorteil des Direktversands von Billig-Ware an die Kunden. Die Bewertung des Unternehmens mit Sitz in Singapur liegt mit rund 25 Milliarden Dollar (21,56 Mrd. Euro) nur noch bei einem Bruchteil des Höchststandes von fast 100 Milliarden Dollar aus dem Jahr 2022.

"Shein hat ein Jahrzehnt damit verbracht zu beweisen, wie viele Menschen bereit sind, ein Kleid für fünf Dollar zu kaufen. Doch am ersten Handelstag in Hongkong musste das Unternehmen lernen, dass Käufer und Aktionäre zwei sehr unterschiedliche Dinge erwerben", kommentierte Josh Gilbert, leitender Analyst für Asien-Pazifik Etoro.

Gedämpfte Stimmung

Die gedämpfte Stimmung spiegelte sich auch im Verhalten des Gründers Sky Xu wider: Er betrat zwar die Bühne für Fotos mit Mitarbeitern, überließ das Reden und das traditionelle Schlagen des Gongs jedoch seinem Finanzvorstand. Die Zurückhaltung mag zu seiner als verschlossen geltenden Persönlichkeit passen, doch sie unterstrich auch den glanzlosen Start. "Es ist für niemanden ruhmreich, ein Unternehmen zu feiern, das ursprünglich im Ausland an die Börse gehen wollte, aber zweimal abgewiesen wurde", erklärte Thomas Ip, Direktor bei Gaoyu Securities.

Die Skepsis der Anleger spiegelte sich bereits in der verhaltenen Nachfrage nach den Aktien wider, die mit 48,56 Hongkong-Dollar lediglich in der Mitte der Preisspanne zugeteilt worden waren. "Ich denke, das schwache Debüt zeigt, dass Anleger Shein selbst nach dem massiven Bewertungsabschlag nicht als offensichtlich günstig ansehen", so Charu Chanana, Anlagestrategin bei Saxo. Mit dem 15-fachen des erwarteten Gewinns sei die Aktie mehr als doppelt so hoch bewertet wie die des Konkurrenten Temu. Die neuen EU-Regeln zeigen bereits Wirkung: Einem Analysten zufolge sind die täglich aktiven Nutzer in Europa um rund 45 Prozent eingebrochen. "Dies ist weniger ein Shein-Problem, sondern eher das Ende einer Ära für den billigen grenzüberschreitenden Versand", erklärte Josh Gilbert von eToro.

Umgang mit illegalen Produkten

Shein versucht gegenzusteuern. Der Konzern weitet seine Plattform zu einem Marktplatz für Drittanbieter aus und hat zuletzt die US-Modemarke Everlane gekauft. Dennoch bleiben Risiken. So laufen Untersuchungen der US-Handelskommission FTC und der EU-Kommission wegen Verbraucherschutzfragen und dem Umgang mit illegalen Produkten. Wegen der genauen Prüfung seiner Geschäftspraktiken, etwa bei Arbeitsbedingungen und Nachhaltigkeit, waren Börsengänge in New York und London zuvor gescheitert.

Der Mann hinter Shein

Auf Sky Xu wartet damit eine Reihe von Herausforderungen. Der 43-Jährige ist kein schillernder Modemacher, sondern ein Experte für Suchmaschinenoptimierung und Software. Er baute Shein nicht auf einem Gespür für Trends auf, sondern auf der Grundlage von Daten. Mit einer eigens entwickelten Software und einer hocheffizienten Lieferkette in China analysierte er in Echtzeit die Nachfrage der Kunden und brachte in Rekordzeit Tausende neue Stile auf den Markt. Ein Insider beschreibt ihn als geduldig, bescheiden und pragmatisch. Er soll einer der profiliertesten Sammler antiker Münzen in China sein.

Seine extreme Vorliebe für die Privatsphäre ist jedoch auch Teil eines größeren Trends. Seit die chinesische Regierung 2020 den Börsengang der Ant Group von Jack Ma platzen ließ und hart gegen Tech-Unternehmer durchgriff, ist das Rampenlicht für viele Wirtschaftsführer in China zu einem Risiko geworden. "Die Standardeinstellung ist jetzt, seine Stärken zu verbergen und auf seine Zeit zu warten", erklärt Duncan Clark, Vorsitzender der Beratungsfirma BDA.