EZB-Vizepräsident Boris Vujčić © APA - Austria Presse Agentur
Die Europäische Zentralbank richtet laut ihrer Chefin Christine Lagarde die Zinspolitik nicht ausschließlich am Anstieg der Energiepreise aus. Auch andere davon beeinflusste Faktoren wie das Wirtschaftswachstum und der Konsum spielten eine Rolle, betonte Lagarde am Freitag in Dublin: "Und wir berücksichtigen all diese Aspekte."
Auch ihr Stellvertreter Boris Vujcic hat sich im Reuters-Interview ähnlich geäußert: "Es wäre nicht ratsam, sich ausschließlich auf die Energiepreise zu konzentrieren, so wichtig diese auch sein mögen", erklärte er. Befeuert von den im Zuge des Iran-Krieges steigenden Ölpreisen hatte die Inflationsrate im Euroraum im August auf 3,2 Prozent zugelegt. Zuletzt hat sich durch anziehende Sprit- und Gaspreise weiterer Druck auf die Verbraucherpreise aufgebaut.
Notenbank mit "Augenmaß"
Lagarde sagte, die Notenbank reagiere mit Augenmaß auf die Situation und werde auch ihre künftigen Entscheidungen an der Datenlage ausrichten. "Wir sind gut positioniert, um zu reagieren", betonte die Französin. Die EZB hat den Leitzins zuletzt im Kampf gegen die hohe Inflation zum zweiten Mal in diesem Jahr erhöht und ihre Konjunkturprognosen zugleich heraufgesetzt. An den Finanzmärkten wird damit gerechnet, dass die EZB im Dezember mit einer Zinserhöhung nachlegt.
EZB-Vizepräsident Boris Vujčić wiederum sieht bei anhaltend hohen Teuerungsraten Gefahren auf die europäische Wirtschaft zukommen. "Wenn die Inflation bis in den Herbst hinein hoch bleibt und sich auf die Haushaltseinkommen sowie das Konsumverhalten auswirkt, wird dies auch das BIP dämpfen", warnte der Kroate in einem am Freitag veröffentlichten Reuters-Interview mit Blick auf die Folgen für das Bruttoinlandsprodukt (BIP).
Eurozone hatte zugelegt
Die Wirtschaft der Eurozone hatte im Frühjahr trotz der Belastungen durch höhere Energiepreise infolge des Iran-Krieges mit einem Plus beim BIP von 0,6 Prozent überraschend kräftig zugelegt.
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins zuletzt im Kampf gegen die hohe Inflation zum zweiten Mal in diesem Jahr erhöht und ihre Konjunkturprognosen zugleich heraufgesetzt. In diesem Jahr soll das BIP demnach um 0,9 Prozent steigen, während für 2027 nun 1,4 Prozent erwartet werden. Zugleich erwartet die Notenbank durch den Konflikt im Nahen Osten länger anhaltenden Inflationsdruck.
Kalter Winter würde Haushalte weiter belasten
Ein kalter Winter würde die Belastung für die Haushalte durch steigende Heizkosten noch verschärfen, warnte Vujčić. Gleichzeitig wies der Stellvertreter von EZB-Chefin Christine Lagarde darauf hin, dass die Eurozone ihre Abhängigkeit von Erdgas in den vergangenen vier Jahren verringert habe. Dadurch stellten niedrige Gasspeicherstände eine geringere Gefahr dar als zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im Jahr 2022. Zudem habe sich die Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen als erwartet - auch dank der Exporte, bei denen Käufer Bestellungen vermutlich vorgezogen hätten. Der private Konsum werde voraussichtlich "hinreichend robust" bleiben.
Finanzmärkte erwarten weitere Zinserhöhungen
An den Finanzmärkten wird damit gerechnet, dass die EZB mit einer Zinserhöhung nachlegt. Vujčić wollte sich nicht auf weitere Schritte festlegen. Er verwies allerdings darauf, dass die EZB bei den Sitzungen, in denen auch Prognosen erstellt wurden, zwei Zinserhöhungen vorgenommen habe: "Wir werden sehen, was die kommenden Monate bringen, und unsere Geldpolitik entsprechend anpassen." Die nächsten Projektionen der EZB werden zur Zinssitzung am 17. Dezember veröffentlicht, für die eine Erhöhung an den Finanzmärkten weitgehend eingepreist ist.