Österreichweit fehlen aktuell 3.977 Lehrplätze © APA - Austria Presse Agentur

Junge Menschen haben es zunehmend schwer eine Lehrstelle zu finden. Das ergab eine Spezialauswertung des Arbeitsmarktservice (AMS). Die Nachfrage nach Lehrlingen gehe seit einigen Jahren zurück, zeitgleich wachse das Interesse an Ausbildungsplätzen. Dies führe zu einer Lehrstellenlücke, die sich zuletzt immer weiter vergrößert habe. So waren heuer im September um 34 Prozent weniger offene Lehrstellen beim AMS gemeldet als Lehrstellensuchende vorgemerkt waren.

Die Zahl der arbeitssuchenden Lehrlinge legte im September um 8 Prozent auf 11.693 Personen zu, während die offenen Lehrstellen österreichweit bei 7.716 stagnierten. Die Lehrstellenlücke beträgt aktuell 3.977 Stellen und vergrößerte sich damit im Vergleich zum Vorjahr um rund 800 Stellen. Insbesondere in Vorarlberg (-17,3 Prozent), einem der Bundesländer mit der am stärksten gestiegenen Nachfrage, sowie in Wien (-12,2 Prozent) gingen die Lehrstellenmeldungen deutlich zurück. In Tirol wurde hingegen mit einem Plus von 24,5 Prozent ein deutlicher Anstieg im Vorjahresvergleich verzeichnet.

Schwierige Situation für Lehrstellensuchende in Wien

Besonders in Wien, wo zuletzt auf 611 offene Lehrstellen 5.551 Lehrstellensuchende kamen, ist die Ausgangslage für Lehrstellensuchende laut AMS schwierig. Einer Lehrstelle standen demzufolge 9 Interessentinnen oder Interessenten gegenüber. Gänzlich anders stellte sich die Situation in Tirol (0,4 Interessenten pro Stelle) und Salzburg (0,5 Interessenten pro Stelle) dar, wo deutlich weniger junge Menschen einen Ausbildungsplatz suchten, als von Unternehmen nachgefragt wurden.

Während sich die Zahl der beim AMS gemeldeten offenen Lehrstellen von 2015 bis 2022 (rund 9.700) fast verdreifachte, sank sie seither deutlich und lag im vergangenen Jahr bei rund 7.000 Stellen. Die Zahl der Lehrstellensuchenden blieb hingegen - abgesehen von einer Spitze während der Coronapandemie - bis 2022 auf einem konstanten Niveau und stieg seither deutlich an. Seit 2015 gab es nur in den Jahren 2021 bis 2024 einen Lehrstellenüberhang. Ab 2025 wurde wieder eine Lehrstellenlücke verzeichnet. Etwa einem Viertel der Lehrstellensuchenden standen demnach im vergangenen Jahr keine entsprechenden offenen Stellen gegenüber.

AMS-Chef: "Wer heute nicht ausbildet, dem fehlen morgen die Fachkräfte"

"Wer heute eine Lehre beginnt, setzt auf eine sichere Zukunft am Arbeitsmarkt, denn die demografischen Prognosen sind eindeutig: Stark fehlen werden uns künftig Menschen mit Lehrabschluss", betonte AMS-Chef Johannes Kopf. Während künstliche Intelligenz (KI) vor allem Bürotätigkeiten umkrempele, bleibe berufliches Können in Technik, Handwerk und Pflege unverzichtbar. "Umso bedenklicher ist die aktuelle Lehrstellenlücke: In der Rezession bilden Betriebe weniger aus. Doch wer heute nicht ausbildet, dem fehlen morgen die Fachkräfte. Österreich braucht daher gerade jetzt mehr Lehrstellen", gab Kopf zu Bedenken.

Seit dem Höhepunkt ihrer Popularität in den 1970er- bis 1980er-Jahren habe die Lehre als Ausbildungsweg in Österreich über die Jahrzehnte hinweg stetig an Stellenwert verloren, so das AMS. Dennoch stellten Personen mit Lehrabschluss laut letztverfügbaren Daten aus 2024 mit rund einem Drittel der Bevölkerung von 25 bis 64 Jahren immer noch den mit Abstand größten Anteil. Dabei verfügten deutlich mehr Männer (37,5 Prozent) als Frauen (24,5 Prozent) 2024 über einen Lehrabschluss. Bei Frauen lag der Anteil dieses Ausbildungswegs gleichauf mit jenem einer Hochschulbildung.

Gefragteste Lehrberufe in vergangenen 10 Jahren kaum verändert

Die gefragtesten Lehrberufe junger Frauen und Männer haben sich unterdessen in den vergangenen zehn Jahren laut der Auswertung des AMS kaum verändert. Von den zehn im Jahr 2025 am häufigsten über das AMS gesuchten Lehrberufen zählten bei Mädchen acht und bei Burschen sieben auch bereits zehn Jahre zuvor zu den Top-10. Die 2015 noch erstplatzierte Lehre zur Einzelhandelskauffrau wurde von der Bürokauffrau an der Spitze der beliebtesten Lehrberufe bei Frauen abgelöst, mit deutlichem Abstand folgte Friseurin an dritter Stelle. Bei den Männern wurde die Lehre zum Einzelhandelskaufmann durch den Fahrzeugtechniker als beliebtesten Lehrberuf abgelöst. Auf Platz drei stand die Ausbildung zum Elektrotechniker.

Die 2023 neu eingeführten Pflege-Lehrberufe wurden laut AMS von Lehrstellensuchenden und Unternehmen bereits gut angenommen. Die rasche Etablierung am heimischen Arbeitsmarkt zeigte sich auch an den rund 300 bereits bestehenden Lehrverhältnissen zum Jahresende 2025. Gut angenommen worden sei zudem die 2022 eingeführte Lehre zur Fachkraft für Bahnreise- und Mobilitätsservice, für die bereits 171 Lehrlinge ausgebildet wurden. Andere neue Lehrberufe wie etwa die Ausbildung zur Fachkraft für vegetarische Kulinarik oder zum Klimagärtner waren sowohl bei über das AMS suchenden Jugendlichen als auch Unternehmen noch kaum präsent.

WKÖ: Lehrbetriebe fordern Kostenentlastung

Viele Lehrbetriebe forderten unterdessen Kostenentlastung bei der Ausbildung von Lehrlingen, ergab eine Umfrage der Wirtschaftskammer (WKÖ). Dabei sprachen sich die Unternehmen unter anderem für eine Erhöhung der Lehrstellenförderung aus, um Ausbildungskosten besser abdecken zu können. Auch eine stärkere Ausrichtung der Berufsorientierung in Pflichtschulen auf die Lehre sowie verstärkte Öffentlichkeitskampagnen befürworteten mehr als die Hälfte der befragten Firmen. WKÖ-Generalsekretär Jochen Danninger kritisierte am Donnerstag, dass die Betriebe trotz hoher Kostenbelastung die stark steigenden Lehrlingseinkommen finanzierten, damit die Lehre attraktiv bleibe, während sich der Staat immer weniger beteilige. So sei den Ausbildungsbetrieben seit Juli 2026 die Basisförderung ab dem zweiten Lehrling um ein Viertel gekürzt worden. "Wer die Berufsbildung attraktiver machen möchte, muss dort auch investieren und sie nachhaltig absichern", so Danninger.