"Konsumboom" wird keiner erwartet © APA - Austria Presse Agentur

Am Dienstag nach Ostern sperren kleinere Geschäfte nach einer rund einmonatigen Sperre wieder auf, Anfang Mai wird dann der gesamte Einzelhandel wieder geöffnet sein. Wifo-Ökonom Jürgen Bierbaumer-Polly erwartet kurzfristig einige Nachholeffekte im Konsum. Insgesamt werde man jedoch bei der Ausgabebereitschaft noch Vorsicht walten lassen.

Der übliche Konsum werde sich gar erst wieder im Herbst einstellen, so seine Prognose. Bei den ab nächster Woche wieder aufgesperrten kleineren Einzelhändlern erwarte er nach dem totalen Shutdown eine "unmittelbare Konsumdynamik", aber keinen "Konsumboom". Die Durststrecke für den Handel sei noch nicht vorbei. Das Erreichen eines üblichen Konsums werde sich über mehrere Monate strecken, so der Ökonom. "Wir gehen von einer Normalisierung in der zweiten Jahreshälfte aus. Erst im Herbst sollte ein Konsumniveau in Höhe des üblichen, also wie im Vorjahr, erreicht werden."

Das Wifo hatte bereits vor einigen Tagen eine Prognose vorgestellt, wonach beim Konsum der Inländer etwa 5,5 Mrd. Euro und beim Konsum der ausländischen Gäste heuer 3 Mrd. Euro wegfallen werden, insgesamt also eine um 8,5 Mrd. Euro geringere Konsumnachfrage als im Vorjahr. Dies werde man noch anpassen müssen, denn von den ausländischen Gästen werde noch mehr Konsum wegfallen, kündigt Bierbaumer-Polly an. Die Voraussetzungen für die Schätzung hätten sich etwas geändert, so würden nun die Geschäfte früher als erwartet geöffnet, dafür werden Veranstaltungen länger als erwartet ausgesetzt. Diese Effekte würden sich wohl gegenseitig aufheben.

In der Corona-Krise gebe es unterschiedliche Effekte auf den Konsum, erläutert der Wifo-Ökonom. Einerseits gab es einen unmittelbar erhöhten Konsum von Waren des täglichen Bedarfs, wie Lebensmittel und Produkten der Körperhygiene. Dies sei auch bedingt dadurch, dass viele Haushalte nun den üblichen Auswärtskonsum (Kantinen und Restaurants etc.) nun zu Hause konsumieren. Zu Beginn der Krise habe es auch Hamsterkäufe aus Angst und Unsicherheit gegeben, später habe man sich wohl das eine oder andere extra gegönnt für die erzwungene Zeit zu Hause. Diesen Konsum zahlenmäßig einzuordnen sei schwierig und hänge auch von einzelnen Warengruppen ab. So habe sich der Umsatz von Toilettenpapier wohl verdreifacht bis vervierfacht.

Hamsterkäufe seien in den nächsten Wochen wohl nicht mehr zu erwarten, denn diese würden beim Ausbruch von Krisen getätigt, wenn man Güterknappheit erwarte. Natürlich nur falls der Plan halte und nicht neue Unsicherheiten ins Spiel kämen. Es sei aber generell schwer, die Reaktionen der Konsumenten in der Krise einzufangen, weil oft Lehrbuchannahmen in extremen Krisensituationen doch nicht halten, gibt Bierbaumer-Polly zu bedenken.

Der Rückstau an Konsummöglichkeiten werde sich in verschiedenen Warengruppen unterschiedlich auswirken. Bei Bau- und Gartenmärkten gebe es sicher einen Nachholbedarf, die der Jahreszeit entsprechenden Produkte zu kaufen. "Vielleicht kaufen manche auch mehr, um auf der sicheren Seite zu sein." Demgegenüber gebe es aber auch andere Bereiche, etwa Bekleidung und Schuhe, wo man jetzt vielleicht nicht unmittelbar gleich auf die neueste Frühlingskollektion greife, etwa weil man ohnehin fast nur zu Hause sei und im Home-Office arbeite.

Sehr wichtig sei für viele die Zukunftserwartung. Unsicherheit über den eigenen Arbeitsplatz und das Einkommen führe zu vorsichtigem Konsumverhalten und Aufschieben von Käufen. Einkaufen habe auch viel mit Emotionen zu tun, "man geht einkaufen, essen und dann ins Kino", so der Ökonom. Das falle derzeit komplett weg, und der Einkauf mit Masken werde erst eine gewisse Gewöhnungszeit brauchen. Auch die ältere Generation, die vermutlich trotz geöffneter Geschäfte noch länger zu Hause bleibe, werde noch Konsumzurückhaltung zeigen. Und auch die Begüterten würden statt Luxusgütern in einer Krise eher ihr Vermögen kurzfristig verfügbar halten wollen, und nicht in teuren Schmuck, Uhren oder Kunst investieren. "Also eine Konsumneigung eher mit Handbremse", erwartet der Wifo-Experte.

"Es ist natürlich gut, dass man wieder Waren anbieten kann und nach dem Stillstand jetzt Bewegung hineinkommt", kommentiert er die stufenweise Öffnung im Handel. "Das ist ein gutes Signal, aber es ist nun bei den Erwartungen Vorsicht geboten." Angesichts der Rahmenbedingungen würden die Menschen wohl nicht die Geschäfte stürmen. Das Konsumentenvertrauen sei laut einer Umfrage der EU-Kommission jedenfalls im März deutlich zurückgegangen.