++ ARCHIVBILD ++ Austrian Cloud Atlas soll Rechenzentren sichtbarer machen © APA - Austria Presse Agentur

Der Fachverband UBIT der Wirtschaftskammer und der Verband Österreichischer Software Innovationen (VÖSI) haben am Montag in Wien den "Austrian Cloud Atlas" vorgestellt. Die interaktive Plattform erfasst erstmals heimische Cloud-Anbieter, Rechenzentren und IT-Dienstleister. Die Branchenvertreter nutzten die Präsentation zu einer Standortbestimmung: Sie warnen vor einem Verlust der Datenhoheit, beklagen Europas KI-Rückstand und fordern eine nationale Rechenzentren-Strategie.

Jeder elfte Euro der Wertschöpfung in Österreich stamme bereits aus der IT-Branche, sagte der Sprecher der UBIT-Berufsgruppe, Martin Puaschitz. Zwei Drittel der Unternehmen sähen jedoch eine starke Abhängigkeit von nicht-europäischen Anbietern, deren Marktanteil in den vergangenen 15 Jahren um fast 60 Prozent gestiegen sei. "Geichzeitig haben wir die Datenhoheit mitunter verloren oder sind dabei, sie endgültig zu verlieren." Zwar sei die Wertschöpfung der IT bereits doppelt so hoch wie jene der Baubranche und übertreffe den Energiesektor, doch fehle die öffentliche Sichtbarkeit heimischer Standorte.

Dramatische Preissteigerung bei Chips

Neben der Abhängigkeit bei Software belasteten globale Hardware-Engpässe die Betriebe. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate habe die Branche eine beispiellose Chipkrise erlebt. "Sie kennen es aus der Medienberichten zwischen 300 und 1.000 Prozent Preissteigerungen auf Hardware", verdeutlichte Puaschitz. Durch die gestiegenen Hardwarepreise werde die digitale Souveränität weiter geschwächt, da der Einstieg in US-Hyperscaler-Clouds kurzfristig günstiger erscheine als der Kauf eigener Hardware oder nationaler Lösungen.

VÖSI-Vizepräsident Peter Lieber warnte davor, Souveränität mit vollständiger Unabhängigkeit gleichzusetzen. "Wichtig ist die digitale Handlungsfähigkeit, digitale Souveränität wird oft verwechselt mit Autarkie", hielt Lieber fest. Die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen technologischen Autarkie in Europa sei gering, da Kernkomponenten wie Mikrochips überwiegend im Ausland gefertigt würden. Der von Elisabeth Wiederseder (VÖSI) vorgestellte "Austrian Cloud Atlas" biete unter der Webadresse https://www.austrian-cloud-atlas.at eine Landkarte mit Filter- und Vergleichsfunktionen. Aus Sicherheitsgründen würden die Standorte dabei nicht mit exakten GPS-Koordinaten, sondern nur bezirksgenau dargestellt.

Vier Arten von Rechenzentren

Die Branchenvertreter unterteilten die Rechenzentren in vier Kategorien: Neben unternehmensinternen Serverräumen existierten Dienstleister-Rechenzentren für den B2B-Bereich sowie großflächige Hyperscaler im Zehn-Megawatt-Bereich. Als vierte Kategorie wurden spezialisierte KI-Rechenzentren genannt, von denen sich derzeit keines in Österreich befinde. Grund dafür seien die enormen Strom- und Kühlungskosten für das rechenintensive Training großer Sprachmodelle. Der reguläre Betrieb von KI-Anwendungen könne jedoch in heimischen Dienstleister-Rechenzentren erfolgen.

Georg Chytil, Geschäftsführer des Netzbetreibers next layer, wies darauf hin, dass die Dienstleister-Rechenzentren als reine B2B-Unternehmen im Alltag kaum wahrgenommen würden. Heimische Klein- und Mittelbetriebe könnten sich jedoch bei Preis und Leistung mit Hyperscalern messen. Lieber verwies zudem auf Risiken durch unübersichtliche Abrechnungsmodelle und einseitige Preiserhöhungen bei US-Konzernen, was die Wechselbereitschaft zu regionalen Anbietern erhöhe.

KI-Rückstand und unterentwickelter Kapitalmarkt

Bei künstlicher Intelligenz sei Europa gegenüber den USA und China bereits stark ins Hintertreffen geraten, sagen die Branchenvertreter. Puaschitz kritisierte zu frühe Regulierung und fehlende Rahmenbedingungen in Europa. Während US-Unternehmen Milliardenbeträge für KI-Entwicklungen erhielten, seien europäische Förderungen im Vergleich gering dotiert. Lieber verwies auf strukturelle Hürden. Neben dem zersplitterten Binnenmarkt sei vor allem das Finanzierungsumfeld mangelhaft. "Der Kapitalmarkt ist völlig unterentwickelt. Wir haben keine länderübergreifenden Kapitalmarkt und deswegen investieren die Europäer ihr Geld lieber in amerikanische Fonds und füttern dort ihren Mitbewerber auf", sagte Chytil.

Für österreichische Unternehmen liege die Chance nicht im teuren Eigenbau von KI-Frontiermodellen, sondern in deren intelligenter Nutzung, meinte Lieber. Der Fokus müsse auf effizienter Anwendung, branchenspezifischen Spezialmodellen (Enterprise AI) und der Vermeidung unnötiger Datenverarbeitung liegen. Künftig soll der Cloud Atlas mit der österreichischen KI-Landkarte verknüpft werden, um transparent zu machen, auf welchen Servern heimische KI-Dienste laufen.

Ruf nach Rechenzentren-Strategie

Um die digitale Infrastruktur auszubauen, forderten UBIT und VÖSI eine nationale Rechenzentren-Strategie. Bisher gebe es in Österreich länderspezifische Einzelregelungen und föderale Hürden, die langfristige Investitionen erschwerten. Martin Madlo, Präsident der Austrian Datacenter Association (ADCA), verwies darauf, dass andere europäische Staaten bereits koordinierte Strategien vorgelegt hätten. Die EU strebe mit dem Cloud and AI Development Act (CADA) eine Verdreifachung der Rechenzentrumskapazitäten in den nächsten fünf bis sieben Jahren an.

Neben der Politik müsse zwingend auch die Energiebranche in die Gesamtstrategie einbezogen werden. Da moderne Rechenzentren viel Strom benötigten, müssten IT-Infrastruktur, Energieversorgung und Netzausbau gemeinsam geplant werden. "Die Branche und die Energieversorger müssen in diese Diskussion starker eingebunden werden. Rechenzentren, Energieversorgung, Netzausbau und digitale Infrastruktur müssen gemeinsam gedacht werden, wenn Österreich seine Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern will", forderte Puaschitz.