Aus der allgegenwärtigen Datenflut Nutzen ziehen.

NEW BUSINESS - NR. 3, APRIL 2016
Der NEW BUSINESS Verlag lud zum großen Roundtable-Gespräch über Technologie, Strategie und Zukunft der heimischen Wirtschaft. © Marcus Kellner/NEW BUSINESS

Digitalisierung treibt die Wirtschaft im heurigen Jahr rasant vor sich her. Kaum ein Thema, das Unternehmen aller Branchen heuer mehr beschäftigt.

Der sich seit mehreren Jahren abzeichnende Trend zu einer radikalen Veränderung der Arbeitswelt – Stichwort Digitalisierung – kommt immer mehr im Unternehmensalltag an. So zeigte eine Studie des Beratungshauses Deloitte unlängst, dass sich zwar die internationale Wirtschaft immer stärker in Richtung Digitalisierung ausrichtet, die heimischen Unternehmen dabei aber vor großen Herausforderungen stehen. Und sich dabei schlecht für die digitale Zukunft gerüstet fühlen.
Gemeinsam mit AS Markom veranstaltete der NEW BUSINESS Verlag daher einen hochkarätigen Roundtable zum Thema Digitalisierung, zu dem Vertreter der heimischen IT-Industrie ebenso wie Anwender, Dienstleister und die öffentliche Hand geladen waren. Im Gespräch mit Thomas Matausch, Leiter Abt. Informationstechnik beim Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen (BEV); Christian Titze, Research Director bei Gartner; Horst Heftberger, Managing Director Austria & CEE bei Hitachi Data Systems; Martin Madlo, Managing Director InterXion Österreich; Oliver Krizek, CEO & Eigentümer NAVAX; Ewald Glöckl, Director Austria NetApp; Anton Leitner, CIO der NÖM; Johannes Dobretsberger, Marketing Director Oracle Österreich, und Johannes Kreiner, Country Manager SQS Österreich, zeigte sich unter anderem, dass der österreichischen Mentalität vor allem eines fehlt – der Mut zum Versuch, auch wenn selbiger scheitert.

Wo liegt der Wert der Digitalisierung im Jahr 2016 für die Unternehmen, warum ist diese gerade heuer ein derart wichtiges Thema?
Christian Titze: Einmal ist es das Wort Industrie 4.0, welches aus Deutschland, von Frau Merkel, kommt. Entstanden im Jahr 2012, angefangen hat es aber als Smart Factory aus der Produktion heraus. Das Thema hat sich durch neue Terminologien mittlerweile erweitert, etwa durch Smart Cities, Smart Patient – es umfasst heute einfach alles. Was wir heute aber vor allem sehen, ist das neue Geschäftsmodell. Wir sehen Internet of Things, wir sehen Internet of People, Internet of Services – und all das zusammen ermöglicht neue Geschäftsmodelle. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Autoreifen könnten, wenn sie mit Sensoren ausgestattet werden, Informationen etwa über Reifendruck, Abnutzung und weitere Messdaten liefern. Diese könnten in die Cloud geladen werden, wo sie analysiert werden. Mietwagenfirmen oder Transportunternehmen könnten dadurch, etwa durch Predictive Maintenance, schnell darauf reagieren und die Überprüfung veranlassen. Das wäre in diesen Branchen ein neues Geschäftsmodell. Nur ein Beispiel dafür, wie und wo durch die Vernetzung – Internet of Things, Internet of People usw. – ein neues Geschäftsmodell entstehen kann.

Wo steht die Digitalisierung heute also?
Johannes Dobretsberger: Die Digitalisierung ist schon da. Das Cloud-Thema ist auch schon marktreif. Das ist etwas, auf das wir beim Kunden schon reagieren müssen. Warum Digitalisierung – vor allem auch für Oracle – wichtig und entscheidend ist: weil sie vor allem eine Innovationskraft ist, eine Innovationskraft für die Unternehmen. Wenn man bedenkt, dass hier ein unglaublicher Informationsfluss entsteht – der natürlich aus Sicht von Oracle sehr spannend ist – und wenn man sieht und bedenkt, mit welchen Gefahren und mit welchen Herausforderungen die Kunden hier konfrontiert sind. Wir haben unlängst eine Studie mit über fünfhundert Unternehmen in EMEA gemacht, bei der sich herauskristallisiert hat, dass 92 Prozent der Befragten in Cloud oder Digitalisierung eine Chance oder eine Innovationskraft sehen. Vor allem auch in zwei Bereichen: Sie sehen es als Kundenbindungsmöglichkeit sowie als Kundenakquisitionschance. Wir haben die Studie vor einem Jahr schon einmal gemacht, da war vor allem die Datensicherheit ein sehr großes Thema. Das ist auch noch immer ein Thema – aber es ist nicht mehr das entscheidende Thema. Das heißt, diese Marktreife zur Cloud, die Akzeptanz zur Digitalisierung, die ist hier und wird auch verwertet. In dem Sinn, dass hier eine Wertschöpfung, ein Wettbewerbsvorteil generiert wird. Und auch verstanden wird, dass man diesen Trend rechtzeitig im Unternehmen nutzen und ihn in die Strategie einbauen muss.

Herr Krizek, warum müssen Unternehmen gerade heute auf Digitalisierung setzen?
Oliver Krizek: Ich glaube Sie haben gar keine andere Chance, als dass sie es machen. Weil ein Marktdruck da ist, der auch gar nicht nur aus Österreich kommt, sondern international entsteht. Die Unternehmen kommen drauf, dass es das alte Geschäftsmodell – mit Shops, über die Produkte verkauft werden – so nicht mehr gibt. Was wir auch merken bei unseren Kunden, ist, dass die klassischen Kanäle einfach wegfallen. Das sind Veränderungen, wo Unternehmen dann den Druck haben, neue Modelle zu entwickeln. Ein Beispiel dafür ist etwa Baumax, die es über Jahre nicht geschafft haben, einen brauchbaren Web-Katalog zu machen. Das waren nichts anderes als „ein paar Blätter“, die es ins Internet geschafft haben. Hätte man diesen Katalog anders gemacht, dienstleistungsorientierter, und die dahinterliegenden Geschäftsprozesse entsprechend angepasst, hätte dort auch etwas anderes aus dem Katalog werden können, als eben gekommen ist. Ich glaube, dass sich gerade unheimlich viel bewegt, gerade auch in Verbindung mit Geschäftsprozessoptimierung. Und dass die Unternehmen sehen, dass es kein reines IT-Thema ist, sondern ein kreatives, neues Geschäftsmodell-Thema, das da neu entsteht. Weltweit gesehen, denke ich, dass viele übersehen, dass die IT-Unternehmen beginnen, viele Dinge am Markt zu beherrschen. Früher hätte niemand gedacht, dass ein IT-Unternehmen ein Auto produzieren kann. Heute kommt der Elon Musk von Paypal und produziert ein Auto nicht mehr als Auto, sondern als IT-Produkt – als Hardware mit entsprechender Software. Hier entstehen, denke ich, Ängste, weil sich unheimlich viel bewegt.

Die Cloud hat viel verändert, auch für die Gesellschaft. Und diese Veränderung dringt durch die Gesellschaft wieder in die Unternehmen ein. Wie sieht das der produzierende Anwender, Herr Leitner?
Anton Leitner: Ich glaube, da muss man sehr stark differenzieren. Im privaten Bereich, im Consumer-Bereich gibt es eine große Digitalisierungswelle. Im Business-Bereich muss man hingegen sehr stark differenzieren. Es lassen sich Start-ups nicht eins zu eins mit klassischen Produktionsfirmen vergleichen. Wenn ich mein Beispiel hernehme, eine Molkerei mit sieben Millionen Liter Milch, die pro Tag verarbeitet werden, dann bringt mir das digitalisierte Smartphone in diesem Arbeitsprozess nichts. Da sehe ich das eher als Hype. Dafür spricht auch, dass die Frau Merkel ja die deutsche Industrie stärken wollte damit. Neue Geschäftsmodelle, ja, aber: Es werden immer die gleichen Beispiele gebracht, wenn ich das höre, hängt es mir schon zum Hals raus. Denn die Beispiele sind meist nicht besonders innovativ. Die Frage, die sich für mich – wenn ich da in meiner Molkerei sitze – stellt, ist: Wie kann ich innovativ werden? Egal, ob das jetzt Digitalisierung heißt oder Industrie 4.0. Wie kann es zu Innovation kommen? Und das ist in meinem Bereich nicht die Technologie. Weil die Produktion ist soweit bereits technologisch hochgerüstet, da ist alles vollautomatisch. Da ist kein Spielraum mehr da. Ich fokussiere daher mehr auf Personen. Und ein Mitarbeiter wird nicht einfach so innovativ, ich muss das Umfeld schaffen, damit er innovativ sein kann. Ich glaube, dass sich Unternehmen dahin mehr fokussieren müssen, sich der Frage stellen: Wie gehen wir mit unseren Mitarbeitern um? Was müssen wir machen, damit die Mitarbeiter innovativ werden können? Um einen nächsten Digitalisierungsschub vorantreiben zu können? Da gibt es Aspekte, wie den, dass ich mich mit einer erhöhten Komplexität beschäftigen muss. Wie kann ich also den Mitarbeiter so weit bringen, dass er komplexer denken kann? Und dass er mit Transparenz umgehen kann? Transparenz ist ein schwieriges Thema, speziell in Österreich. Weil zu viel Transparenz ist hierzulande nicht gut, die Menschen haben Angst, dass zu viel Transparenz sie um den Job bringen kann. Besonders, wenn sie in produzierende Unternehmen schauen. Da hat der typische Mitarbeiter Angst um seinen Job, Angst, dass zu viel Transparenz ihn den Job kosten kann. Und somit Angst vor der Digitalisierung. Und das nächste ist der Druck, den wir generell ausüben. Der den Mitarbeiter dazu nötigt, dass er innovativ ist und schauen muss, wie er das hinbekommt. Bei uns ist die Situation so, dass wir das nächste Innovative oder die nächste Digitalisierungsebene noch gar nicht denken können. Es gibt kaum jemanden im Unternehmen, der davon eine Vorstellung hat, wo die nächste Ebene ist.

Akzeptieren Mitarbeiter heute digitale Technologien eher als noch vor wenigen Jahren?
Anton Leitner: Das sehe ich eigentlich nicht so. Die Ängste und Schwierigkeiten mit den Themen der Digitalisierung sind auch bei den Jungen so vorhanden. Die verwenden zwar ihr Smartphone, nutzen Facebook, Twitter, was auch immer. Aber die Angst vor den Folgen der Digitalisierung – im Unternehmen – haben die genauso. Und der Unterschied ist der – im Privaten kann jeder selber entscheiden, ob er sein Profil preisgibt. In einer Firma, die digitalisiert wird, haben die Mitarbeiter diese Entscheidung nicht. Und zudem kommt die Angst, was mit meinem Job durch die Digitalisierung passiert. Weil er durch die Digitalisierung transparent wird. Das gilt jetzt nicht so sehr für Start-ups, aber in der klassischen Industrie ist das so.

Wie kann die IT-Industrie den Schwung der Digitalisierung aufrechterhalten?
Horst Heftberger: Wir setzen den Trend Digitalisierung mit Big Data gleich. Das heißt, mit allen Geräten, Maschinen entstehen Daten, überall sind Sensoren eingebaut, die Daten liefern. Diese Daten müssen zu Informationen gemacht werden, die dann neue Business-Möglichkeiten generieren. Es werden viele neue Geschäftsmodelle kommen. Es gibt ein Start-up in Berlin von zwei Österreichern, Number26. Das ist die erste Smartbank, bei der alles über das Smartphone gemacht werden kann. Das Unternehmen verlangt keine Gebühren und bekommt, glaube ich, pro Monat 30.000 neue Nutzer dazu. Die machen richtig neue Businessmodelle und wollen in Zukunft ihren Nutzern durch Big Data Analytics Versicherungen anbieten. Die stellen fest, wie ist das Verhalten an den Bankomaten, wo befindet sich der Kunde derzeit. Ist der Kunde beispielsweise in Italien, und die Analyse zeigt ihm beispielsweise, dass in Italien viele Fahrräder gestohlen werden, dann kann der Kunde ein Bild von seinem Fahrrad machen, bekommt automatisch eine Versicherungspolizze angeboten, drückt auf Yes und hat um XYZ Euro für einen Tag eine Fahrrad-Diebstahl-Versicherung. Das Beispiel zeigt, es werden sich viele neue Business-Möglichkeiten durch Big Data, durch Analytics, durch Sensoren entwickeln. Ich glaube, Gartner hat gesagt, dass bis 2020 50 Milliarden Devices verbunden sein werden. Die Daten, die dadurch generiert werden, werden völlig neue Geschäftsmodelle und Businessmöglichkeiten generieren. Wir sehen das positiv, wir verkaufen ja die Speichersysteme dafür. Speziell die unstrukturierten Daten in Verbindung mit Social-Media-Daten, also Blended Data Analytics wird es möglich machen, viele neue Dienstleistungen anzubieten. Da braucht man nur schauen, wo etwa die Reise im Real Time Retail hingeht in den nächsten Jahren. Wir begleiten die Kunden dabei.

Ist dabei die wahre Krux nicht die Auswertung der Daten? Gesammelt werden Daten ja bislang schon recht stark, es scheitert aber oft an der Auswertung und Nutzung selbiger.
Horst Heftberger: Da gibt es eine genaue Zahl, 38 Prozent der Daten, die Unternehmen speichern, sind ungenützt. Derzeit noch, laut einer Gartner-Analyse von 2012. Das ist also ein wichtiges Thema, wie kann man diese Daten nützen. Blended Data, Soziale Netzwerke, Wirtschafts- und soziale Daten.
Anton Leitner: Aber es wird immer schwieriger, die 38 Prozent zu halten. Denn das Datenvolumen steigt, und die Leute können damit nichts mehr anfangen.
Oliver Krizek: Es sind ja nicht nur Großunternehmen, die sich eigene Data-Abteilungen leisten können. Der Großteil ist aus dem Mittelstand. Man muss ehrlich sagen, viele Daten die gesammelt werden, sind sinnlos.

Also mehr aus bestehendem Wissen herausholen?
Christian Titze: Wir machen Chief-Executive-Studien, bei der letzten hat sich gezeigt, das Advanced Analytics für die CEOs zu den „Hot Topics“, also Themen, mit denen sie sich beschäftigen, gehören. Daten nicht mehr nur zurück-, sondern vorausschauend zu nutzen. In die Zukunft zu schauen, dass ist das Hot Topic, mit dem sich Executives heute beschäftigen.
Oliver Krizek: Ich war letztes Jahr auf einer Veranstaltung, wo es um Advanced und Predictive Analytics ging, und da ist ein Teilnehmer mit der Frage nach dem Anwendungsfall gekommen. Hier hängt für mich viel Krux drinnen, dass die IT-ler mit der Idee kommen, was man da noch alles machen kann, aber der Fachanwender erwartet sich eine Idee, was er damit wirklich machen kann.
Martin Madlo: Ich glaube, da gibt es mittlerweile schon einige Beispiele, was Big Data Applications im Industrieeinsatz leisten können. Gerade in Industrien, die unter einem enormen Kostendruck stehen, wie zum Beispiel die Logistik- und Transportationsbranche. DHL ist ein Beispiel dafür, die haben nicht nur ihre eigene Logistik mit Big Data Analytics optimiert, sondern gewinnen auch neue Geschäftsmodelle – und oft auch neue Produkte – aus diesem Geschäftsbereich. Smart Traffic Planning und ähnliche Dinge, die über das Internet of Things funktionieren, sind klassische Beispiele der Innovation durch diese Technologien. Die zeigen, dass Unternehmen durch diese Innovationen weit vor ihren Wettbewerbern sein können.
Oliver Krizek: Ja eben, die deutsche Post, riesig groß. Wenn ich das aber auf die österreichischen Wirtschafts­treibenden runterreduziere …
Ewald Glöckl: Es ist aber auch eine große Chance, die Digitalisierung. Es gibt dadurch die Möglichkeit, alternative Geschäftsmodelle einfach anzugehen.
Martin Madlo: Ich möchte darauf zurückkommen, dass Unternehmen Daten besitzen, die derzeit eigentlich gar nicht ausgewertet werden. Einer Studie zufolge werden in Versicherungsunternehmen beispielsweise nur circa 30 Prozent der vorhandenen Daten auch tatsächlich genutzt. Gerade bei Versicherungsunternehmen, wo man sich denkt: Die haben einen riesigen Informationspool, die wissen, wie alt ich bin, wie oft ich zum Doktor gehe, wie oft ich krank war, welches Auto ich fahre, wo ich wohne … Die könnten also die schon vorhandenen Daten doch viel optimaler für die Formulierung oder Definition ihrer Produkte nutzen. Da sind zusätzliche Informationen, zum Beispiel aus Social Media, noch gar nicht berücksichtigt.
Johannes Dobretsberger: Das zeigt aber auch, dass eine ganzheitliche Strategie oft fehlt. Egal, ob die digitale Transformation die Marketing-, die Produktions- oder auch die Vertriebsdaten betrifft, es muss in Unternehmen – auch im Mittelstand und in kleinen Unternehmen – ein klares Bekenntnis sein: Man hat Informationen, es ist dieser Schatz vorhanden, und den müssen wir auch entsprechend auswerten.

Aber darf der Schatz auch wirklich benutzt werden?
Johannes Kreiner: Ich glaube, wir stellen uns das immer sehr einfach vor. Es gibt Regulatorien, die man nicht ganz von der Hand weisen kann. Gerade im Bereich der Versicherungen, da steht etwa auch die Finanzmarktaufsicht dahinter, die sagt, du darfst nur gewisse Sachen machen. Da tun sich Start-ups heute ein bisschen leichter, wissen oft aber in dem Moment auch um das Risiko gar nicht, das sie eingegangen sind. Nach dem Motto „jetzt bin ich mal am Markt, schauen wir einmal, was passiert“. Und wenn es nicht funktioniert, ist dann meist der Schaden auch nicht so groß. Ich glaube, wir müssen nach Branchen unterscheiden, wie der Digitalisierungsdruck entsteht. Wenn ich heute auf Banking/Financial Services blicke – oder Fintech, wie es künftig heißt –, dann sehe ich, dass die einen unglaublichen Druck haben. Da ist ein gewaltiger Druck und die Frage, ob es die großen Unternehmen von heute dort morgen noch gibt. Viele werden aktuell von Start-ups überholt und es wird sich wohl am Regulator entscheiden, ob es komplex genug bleibt, damit sich Unternehmen in dem Bereich entscheiden, eine komplexe Infrastruktur zu haben. Oder ob für das „Fünf-Euro-Angebot“ nicht der Excel-Computer im Hintergrund reicht. Oder im Logistikbereich – hier ist ein unglaublicher Druck in Sachen End-to-End. Diese Erwartungshaltung – auch seitens der Kunden – geht im Logistikbereich in Richtung Digitalisierung.

Den Mitarbeiter also in Sachen Digitalisierung mitnehmen?
Ewald Glöckl: Ich würde sogar einen Schritt weitergehen. In Österreich bräuchte es nicht nur die Mitarbeiter, die man in Sachen Digitalisierung mitnehmen müsste. Man müsste vor allem einmal das Management mitnehmen, aufzeigen, dass das Thema Digitalisierung ein Führungsthema ist, ein Innovationsthema. Wenn man in so einer alternativen Geschäftswelt mitspielen will, ist das eine Top-Entscheidung. Wenn ich mein Geschäftsmodell umstelle, dann ist das eine Änderung, wenn ich also statt eines Shop-Modells auf ein alternatives Modell setze, dann ist das eine Änderung. Und diese muss die Geschäftsleitung entscheiden. Das ist auch die Chance für den österreichischen Mittelstand, diese digitale Transformation zu begreifen. Aber dieses Verständnis ist momentan einfach nicht da. Das Verständnis dafür, dass der Wandel einen totalen Geschäftsprozessbruch mit sich bringt. Jeder der heute ein einfach nutzbares Service auf den Markt bringt, kann damit bestehende Geschäftsmodelle völlig über den Haufen werfen. Da können wir jetzt sagen, das wollen wir, oder auch, das wollen wir nicht – es wird einfach passieren. Und da sind Daten einfach die Voraussetzung dafür. Daten werden die Digitalisierung einfach antreiben und da sehen wir als Netapp auch unseren Platz. Indem wir überlegen, wie können wir die Digitalisierung weiter antreiben? Wie können wir lokal, in Österreich, Wertschöpfung halten und kreieren? Und versuchen, mit der Digitalisierung auch einen Nutzen für die Gesellschaft rauszuholen. Dafür muss es aber mehr geben als nur Technologie – die haben wir bereits. Jetzt geht es aber darum, die organisatorischen Teile abzuholen, wir müssen die Menschen und das Management mitnehmen auf diese Reise. Da wird es neue Geschäftsmodelle brauchen.

Birgt ein Generationswechsel im IT-Management, der vielfach in den Unternehmen demnächst ansteht, eine Chance auf das gesuchte Umdenken der Verantwortlichen?
Ewald Glöckl: IT treibt das, IT ist der Enabler aus meiner Sicht. Aber der Geschäftsprozess muss aus dem Unternehmen kommen. Die Leute müssen sich damit beschäftigen. Eine Website und eine App ist heute zu wenig im Feld der Digitalisierung. Wenn man glaubt, damit ist man in der Welt der Digitalisierung angekommen, dann wird man scheitern.
Johannes Dobretsberger: Das zeigt, dass es Branchen gibt, wo der User Digitalisierung fordert und fördert. Manche Branchen mehr, manche Branchen weniger. Ein Beispiel im digitalen Bereich ist sicher der ORF, wo es noch das klassische Fernsehen gibt, aber auch Digitalisierung, zum Beispiel im On-Demand-Bereich, wo sich der Nutzer die Sendungen aktiv holt. Es ist eine Challenge für Unternehmen, wenn User die Digitalisierung fordern.

Aber eine bewältigbare Herausforderung?
Johannes Kreiner: Ich glaube, wir haben auch eine Branche, die fast gescheitert ist an der Digitalisierung, das ist der Energy-Bereich. Wenn man an das Smart Metering denkt, das war noch vor wenigen Jahren der Hype. Und wenn man sich jetzt so umhört, sieht man, dass eigentlich jeder die Hände davon schon wegnehmen will. Dem Endnutzer bringt’s nichts, der spürt nichts davon, alle damals damit verbundenen Anwendungen – also beispielsweise die Waschmaschine, die sich dann einschalten lässt, wenn es sinnvoll und günstig ist – interessieren niemanden. Ich glaube allgemein bergen die neuen Geschäftsmodelle auch die Gefahr, dass man am Kunden vorbeigeht.
Ewald Glöckl: Aber man muss probieren. Es geht nicht mehr, langfristig zu planen. Beispielsweise ein dreiviertel Jahr lang in einer klassischen Bank eine App zu planen, wenn die Start-up-Konkurrenz das Ganze in 14 Tagen in der Cloud installiert. Ohne Infrastruktur, ohne Pipapo. Wenn es einfach ist und simpel zu nutzen für den User, dann nehmen die Leute das an. Da kann man machen, was man will. Egal, ob das jetzt ein „Uber“ ist, ein Banking-Service oder ein Kleidungs-Anbieter. Es gibt so viele Beispiele mittlerweile – sobald ein Service einfach ist, nehmen die Kunden den Service an. Dann kann man sagen, ich bin in der alten, klassischen Welt, jetzt habe ich nun einmal ein dreiviertel Jahr lang nachgedacht und es ist mir nicht viel eingefallen. Das ist aber zu spät in der digitalen Welt. Speed ist ein Kriterium geworden. Da ist natürlich auch die Technologie dafür verantwortlich, die hat es möglich gemacht, dass wir uns heute in dieser Art und Geschwindigkeit vernetzen. Wir können heute enorme Datenmengen wälzen, was vor wenigen Jahren in der Form noch nicht möglich war. Heute geht man in die Cloud, nimmt sich ein Service aus der Infrastruktur und knallt seine Funktion drauf, schaut ob es geht, und wenn es nicht geht, schaltet man es nach 14 Tagen wieder ab. Und hat im Gegensatz zu früher nichts verloren.

Es gibt also auch mehr potenzielle Konkurrenz?
Martin Madlo: Das ist genau das Risiko von traditionellen Unternehmen, die in einer Branche sind, die sehr stark unter Druck ist und wo Kostenoptimierung im Promillebereich vielleicht Wettbewerbsvorteile bringt. Wenn dort ein neues Unternehmen kommt und dann Destructive Services auf den Markt bringt, wo einerseits die Kunden Vorteile haben, andererseits das Service deutlich günstiger angeboten werden kann, ist das natürlich phänomenal. Accenture hat letztes Jahr gezeigt, dass die Branchen, die unter extremen wirtschaftlichen Druck stehen, den höchsten Digitalisierungsindex haben. Das waren Transport und Logistik, Kommunikationstechnologie. Und Branchen, die unter Anführungszeichen weniger unter Druck sind, wie beispielsweise Pharma oder Healthcare, einen extrem niedrigen Digitalisierungsindex haben. Das zeigt, dass es unterschiedliche Geschwindigkeiten und unterschiedlichen Druck gibt, solche Dinge nachhaltig zu implementieren. Mit einer Strategie. Es geht nicht nur darum, jetzt einen Webshop aufzubauen. Sondern das Unternehmen mit einer Strategie nachhaltig wettbewerbsfähig aufzubauen.
Ewald Glöckl: Ich habe vor ein paar Wochen einen Vortrag des Unito-Geschäftsführers (Unito Versand und Dienstleistungen GmbH, gehört zur weltweit agierenden Otto Group, Anm. d. Red.) gehört. Ich glaube, jeder in unserer Generation kennt noch die großen Versandhäuser wie Quelle, Otto oder Universalversand. Nahezu jeder hat früher so einen Katalog – wenn nicht gar mehrere – zuhause liegen gehabt. Der Unito-Geschäftsführer hat also bei seinem Vortrag erklärt, dass es heute keinen gedruckten Katalog mehr gibt. Unito sei das einzige Unternehmen, das in der Branche „überlebt“ habe – insofern, dass alle anderen einfach nicht mehr da sind. Und sie hätten nur überlebt, weil sie bereits frühzeitig auf das Thema Online und Digitales Shopping gesetzt hätten. Heute ist das Unternehmen profitabel, trotzdem konnte der Geschäftsführer nicht sagen, ob er in zwölf Monaten noch am Markt ist. Ein etabliertes Unternehmen, mit bekanntem Branding, mit Brand Awareness, das Unternehmen hat früher einmal 100 Prozent der Haushalte in Österreich erreicht. Zugang zu Kunden ohne Ende. Und das Unternehmen ist trotzdem nicht gefeit vor der Geschwindigkeit. Du musst heute einfach dran bleiben und irgendeinen Service finden – eine Innovation finden –, wie du in deinem Geschäft überleben kannst. Das sind Dinge, die wir als IT-Enabler aufzeigen können. Ich weiß nicht, was für einen Online-Händler das bessere Modell ist. Da bin ich nicht in der Lage, dies professionell zu beurteilen. Aber wir können die Services mit Daten enablen. Wir können die Digital Economy treiben aus meiner Sicht.

Inwieweit benötigt die heimische Wirtschaft heute eigentlich noch ein eigenes Rechenzentrum, eine eigene IT-Landschaft? Stichwort Cloud Computing?
Ewald Glöckl: Ich habe gerade eine amerikanische Studie bekommen, die zeigt, dass 70 Prozent der Anwendungen, die schon in der Cloud waren, wieder zurück (in unternehmenseigenen Rechenzentren, Anm. d. Redaktion) gegangen sind.

Woran liegt das?
Ewald Glöckl: Das liegt – ganz einfach – an der Berechenbarkeit. Wenn ich ein Start-up bin und sage: Ich mach jetzt einen Service, weiß aber nicht, ob ich 100, 100.000 oder 100 Millionen User haben werde, dann gehe ich in die Cloud und schaue mir das einmal an. Dort kann ich Fluktuationen gut abfangen und habe alle Varianten zu skalieren. Mit der Zeit schwingt sich das aber ein und man weiß, was seine Auslastung ist. Was aus der IT-Sicht die Bedürfnisse sind. Und genau dann ist es günstiger, es selber in einer Private Cloud zu betreiben. Ist die Erkenntnis der Studie. Ob das so wahr ist oder nicht, kann jeder selbst beurteilen. Aus unserer Sicht (NetApp, Anm. d. Redaktion) sehen wir diese Pendelbewegung. Und deshalb ist der Hybrid-Ansatz, den wir natürlich auch ganz stark in unserer Technologie verfolgen, eine Voraussetzung dafür, wie ich mit meinen Daten hin- und wieder herkomme.
Anton Leitner: Wir haben genau zu dem Thema zwei grundlegende Ansichten. Einerseits von den Kosten her. Die Hardware ist inzwischen so günstig, dass sich Auslagern nicht mehr rechnet. Wenn das Business ziemlich gerade „hingeht“, dann rechnet es sich einfach nicht mehr. Und der zweite Aspekt ist der, dass, wenn ich es bei mir hab – wie wir es machen –, dann hab ich es bei mir. Das Know-how bleibt dann auch bei mir.
Christian Titze: Bei Gartner sehen wir das Bimodal IT Model. Das heißt, ich muss als Firma beides sein – Marathonläufer und Sprinter. Also das ERP-System kann On Premise oder Private sein, aber für Innovation brauche ich auch die andere Seite. Wichtig ist, dass die Balance stimmt.

Also die Kombination beider Welten?
Martin Madlo: Was wir sehen, ist, dass es kein „entweder – oder“ geben wird für Unternehmen. Wir propagieren den Colocated-Hybrid-IT-Ansatz, wo Unternehmen einerseits die Möglichkeit haben, ihre klassische IT On Premise oder Colocated zu nutzen, mit allen Kostenvorteilen, die durch die Nutzung eigener Hardware entstehen. Aber alle Dinge, die jetzt volatil sind – was Auslastungen und Speicherkapazität betrifft –, werden langfristig oder temporär in die Cloud ausgelagert.
Thomas Matausch: Uns gibt es seit beinahe 200 Jahren, wir tun uns natürlich schwer mit neuen Geschäftsmodellen, wie sie verstehen werden. Sie hätten es auch nicht gerne, dass wir neue Geschäftsmodelle entwickeln würden, im Gesetzesvollzug. Was wir unterstützen können, ist, wenn wir den Bürger, den Menschen, in seiner Lebenssituation abholen. Das versuchen wir auch in der Verwaltung zunehmend umzusetzen, den Bürger nicht mehr mit irgendwelchen Formularen „F48B“ zu konfrontieren – diese gibt es immer noch, im Hintergrund. Aber wir lassen die Bürger das selbst ausfüllen und beteiligen sie so am Prozess. Das erfordert von uns auch mehr Flexibilität. Wenn sich die Leute in ihren klassischen Verfahren bedroht fühlen, dann ist das Unternehmen selber auch nicht innovativ. Obwohl wir natürlich getrieben sind, möglichst viel Innovation an den Tag zu legen.
Es wird für die öffentliche Hand in den nächsten paar Jahren eine Herausforderung sein, möglichst stark in die Digitalisierung einzusteigen. Verfahren miteinander zu koppeln, die auf der ersten Blick zwar niemand sieht, die aber zur Verfahrensvereinfachung für den Anwender beitragen. Angenommen, Sie werden Vater oder Mutter. Der Weg, um Familienbeihilfe zu bekommen, ist nahezu komplett digitalisiert.
Früher hätten Sie noch „von Pontius zu Pilatus rennen“ müssen, heute werden diese Verfahren zusammengeschaltet. Immer noch nicht perfekt genug. Aber wir als Behörde versuchen, in die einzelnen Lebenssituationen der Bürger hineinzugehen. (TM)